Schreiben von Georg Bell an Herrn Moritz

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Zuletzt bearbeitet am 11.06.2018 (vor 835 Tagen)
Wiedergabe des Brieftextes in der Dokumentensammlung Weimar und der Kampf gegen rechts'.


Gg. Bell z.Z. Hotel zur Traube

Salzburg 18/3/33

Mein lieber, sehr verehrter Herr Moritz [= franz Mayr, Rechtsanwalt von Ernst Röhm],

Nach meinem letzten Entschuldigungsschreiben von Berlin aus, komme ich erst heute, nach einer Woche sehr unliebsamer Erlebnisse wieder einmal dazu einen Brief zu schreiben. Das nationale Erwachen hat nämlich sofort auch meiner gedacht. Schon in der ersten Nacht des 'Umsturzes' überfiel ein halbes Dutzend wildgewordener Burschen, die vorgaben ein SA-Kommando zu sein, meine Schwiegermutter und meine Braut mit Automobilen in Krottenmühl. Die Kerle benahmen sich wie die Schweine und klauten was sie brauchen konnten. Nachdem sie Fenster und Türen eingeschlagen und das Telefon zerstört hatten, stellten sie das ganze Haus auf den Kopf. Als meine Schwiegermutter nach einem Ausweis fragte, hielten ihr die Rotzlöffel die Pistolen auf die Brust und sagten, das sei der Ausweis. In der zweiten Nacht kamen dann zur Abwechslung uniformierte SA-Männer unter der Führung eines Grafen Spreti. Das ist jedenfalls der gleiche Herr, der wegen der Breslauer Affairen in Italien saß [= Cajetan Graf von Spreti]. Hier nehme ich nun mit Bestimmtheit an, dass dieses Kommando speziell im Auftrag Röhms als Privatracheexekutive erschien - jedenfalls mit der bestimmten Weisung, mich zu meinen Vätern zu versammeln. Auch diese frische erwachten Vertreter des neuen Deutschland durchsuchten das ganze Haue, um mich zu finden. Zum Glück für sämtliche Interessierte war ich aber ebenfalls nicht anwesend um mit diesen schwerbewaffneten Helden persönlich zu verhandeln. So beschränkten sich die braunen Krieger darauf, meine Angehörigen schlecht zu behandeln und zu erschrecken. Das war jedenfalls sehr männlich. Neuerdings schickte man nun zwei Beamte nach Krottenmühl, um mich offiziell in Schutzhaft zu nehmen. Pech! Ich war wieder nicht da! Meine Gefühle brauche ich Ihnen nicht zu beschreiben. Ich bin einfach außer mir, wie Sie sich denken können. Da läuft man zuerst vier Jahre in einem Krieg herum, als diese braunen Lausbuben von heute noch in die Hosen gemacht haben, dann schlägt man sich 12 Jahre gegen den Bolschewismus und ist ebensolange Nazi, wo die Rotzlöffel noch gar nicht wussten, was Nationalsozialismus : Bolschewismus überhaupt bedeutet, und dann wird man sooo behandelt! Was wir für dieses Deutschland und gegen den Bolschewismus schon geleistet haben, das werden die Bürscherln in 100 Jahren nicht nachmachen. z.Z. sitze ich in Salzburg und suche mal in Ruhe diese ganze Groteske zu überdenken und zu überlegen was man machen könnte. (Verzeihen Sie meine Erregung bitte!) Sie würden mir nun dabei einen außerordentlich großen Gefallen tun, wenn Sie mich ein klein wenig dabei mit Ihrem Rat unterstützen könnten. Was denken Sie denn, was wird und was man tun sollte? Ich muss Ihnen offen gestehen, dass ich die Gefahr des Bolschewismus heute, trotz aller rationalen Begeisterung, größer sehe wie je. Es berührt mich deshalb besonders unangenehm, nichts mehr gegen das Moskauer Gesindel unternehmen zu können und mich wegen ein paar übereifrigen Beschränkten SA-Männchen lahmgelegt zu sehen. Was macht denn Gregor Straßer? Ist von dieser Seite her kein Eingreifen zu erwarten? Wenn Hitler und Göring sich in ihren Polizeimaßnahmen erschöpft haben, dann wird ihnen nichts anderes mehr übrig bleiben, wie zu regieren. Ob sie damit und ohne Gregor aber die hoffnungsschwangeren Anhänger satt machen, das möchte ich persönlich, ebenso wie meine Freunde, leicht bezweifeln. Was dann aber kommt --- Sehr geehrter Herr Moritz, schreiben Sie mir doch bitte recht bald und recht ausführlich nach hier. Ich bin noch einige Tage hier. Sie können sich denken, wie ich auf Ihre Antwort warte. Mit der Bitte, mich Ihrer Frau Gemahlin bestens zu empfehlen bin ich Ihr z.Z. äußerst aufgebrachter Bell

Man rechnet hier mit einem Übergreifen des Nationalsozialismus auf Österreich in wenigen Wochen!!! Hoffentlich brauchen Sie nicht noch ein Buch schreiben: 'Vernichtete Justiz'!!

Quelle[Bearbeiten]

  • Alexander Dimitrios: Weimar und der Kampf gegen «rechts». Eine politische Biographie, Bd. 3 (Dokumente), Ulm 2009, S. 279f.