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II.

ein reiches Leben in sich. Auch dieß ist ihr zum Trost und zur Mahnung zugleich gesagt. Der Herr kennet die Seinen, das ist die eine Aufschrift auf dem festen Grunde. Was heißt dies anders, als daß der Herr immer ein Volk hat und haben wird, das ihm dient mit lauterem Sinne, das durch unzerreißbare Bande des Glaubens und der Liebe mit ihm verbunden ist, das der Herr nicht blos äußerlich kennt, sondern innerlich sich aneignet und mit seinen Lebenskräften füllt. Diese Aufschrift ist ein Siegel. Denn die innere Lebensbewegung der Kirche besiegelt die Göttlichkeit ihrer eigenen Grundlage. Sie verkündet in ihren lebendigen Gliedern die Gnadennähe dessen, auf welchem sie ruht. Der Herr selbst will sein Bild in seiner Kirche ausprägen und seine Herrlichkeit in ihr leuchten lassen. Wie diese irdische Sonne tausend- und millionenfach auf dieser Erde in andern Kreaturen sich spiegelt, so spiegelt sich auch die ewige Sonne der Wahrheit in tausenden von Menschenseelen, die ihrem Lebensstrahl sich geöffnet.

 Der Apostel sagt: der Herr kennet die Seinen. Seine Seele jubelt wohl auf bei diesem Worte. Von Rom, wo er gefangen liegt, nach Ephesus schreibt er sie, von der großen Weltstadt des Abendlandes zu einer Weltstadt des Morgenlandes. Er gedenkt dabei all der christlichen Gemeinden, die er im wunderschnellen Lauf des Evangeliums während einer zwanzigjährigen Arbeit in zwei Welttheilen gegründet hat. All die Seelen stehen vor ihm, die aus der Nacht des Heidenthums zur Anbetung des lebendigen Gottes gelangt, die als helle Leuchten dastehen mitten in der Finsterniß, die unter einer allgemeinen sittlichen Verwilderung und Auflösung durch ein Leben der Wahrheit und Liebe, durch wunderbare Geisteskräfte ihren Herrn preisen.

 Dieß Wort: der Herr kennet die Seinen, leuchtet nun aber auch als helle Inschrift auf dem ewigen Gottesgrund, der Gemeinde Christi zum Trost, durch alle Zeiten und alle Entwickelungen der Kirche hindurch, leuchtet auch aus allen Verdunkelungen und Umhüllungen ihres eigenen Wesens herzerquickend hervor. Man hält der Kirche in unsern Tagen wie oft ein langes Sündenregister vor. Und in der That, nachdem die Kirche in das Leben der Völker verschlungen ist, geht neben dem Segens- auch ein Verderbensstrom