Seite:Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen I.djvu/090

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Die Napoleonslinde bei Wachau.


Im Garten des Rittergutes Wachau, dessen vortreffliche im englischen Geschmack ausgeführte Parkanlagen, eine Schöpfung der verewigten Mutter des als grosser Kunstkenner geschätzten Herrn von Quandt auf Dittersbach (bis 1820 hiesiger Rittergutsbesitzer) sind, befindet sich eine uralte Linde, die als Zeugin der Völkerschlacht bei Leipzig und wegen ihrer dadurch erlangten historischen Bedeutung, von nah und fern vielfach besucht und bestiegen wird. Mehrfachen Aufforderungen zu Folge, bringt unser Album eine Abbildung dieser Linde, und knüpft daran eine Darstellung der ewig denkwürdigen Schlacht, welche Deutschland von dem Joche des französischen Kaisers befreite. Der alte Baum steht am südlichen Ende des Gartens und trägt auf seinen hohen Aesten eine ziemlich umfangreiche Gallerie, zu der eine sechszig Stufen hohe gewundene Treppe führt. Von hier aus sieht man das ganze weite Schlachtfeld, die Stadt Leipzig, eine grosse Anzahl kleiner Städte und Dörfer, die Pleissenaue bis Altenburg hinauf, in grauer Ferne die Höhen des Erzgebirges, den Rochlitzer Berg, Petersberg bei Halle, und bei recht hellen Abenden sogar am fernen Horizonte den Brocken. Die Aussicht von diesem alten Baume ist die reizendste, welche Leipzigs nächste Umgebung bietet, aber unwillkührlich rollt sich vor der Phantasie des Beschauers das ungeheure Schlachtgemälde auf, dessen Mittelpunkt einst Wachau bildete. Von hier aus übersah der Kaiser eine Zeit lang die sogenannte Schlacht bei Wachau, das Vorspiel einer Niederlage, die dem gewaltigen Manne seine blutige Lorbeerkrone entriss.

Napoleon, gegen den die halbe Welt in Waffen stand, hatte umsonst seine Stellung bei Dresden zu behaupten gesucht, die unglücklichen Schlachten bei Kulm, an der Katzbach, bei Grossbeeren und Dennewitz, zwangen ihn nur an seine Vertheidigung zu denken, und so zog er sich von Dresden zurück, entschlossen einen entscheidenden Schlag auszuführen. Wahrscheinlich hegte er den Plan, die starken Gegner einzeln anzugreifen, erst Blücher, dann den König von Schweden, und endlich die vereinigte Oesterreichisch-Russische Armee unter Schwarzenberg. Marschall St. Cyr blieb mit 30000 Mann in Dresden zurück, während Napoleon an der Elbe hinabzog und sich Leipzig näherte, um auf dessen gewaltiger Ebene die grosse Böhmische Armee unter Schwarzenberg zu erwarten. Ein Versuch, den Fürsten Blücher, welcher von Dresden aus unaufhörlich die rechte Flanke des französischen Heeres begleitete, bei Wittenberg und Düben zurückzuwerfen misslang.

Der Kaiser hatte zum Kampfplatze gegen die grosse Böhmische Armee ein unregelmässiges, südlich von Leipzig gelegenes Viereck erkohren, welches nördlich durch die Linie Markkleeberg, Wachau und Liebertwolkwitz, und südlich durch das Göselflüsschen mit den Dörfern Gröbern, Göhren und Störmthal begrenzt wird; westlich wird es durch die Pleisse, die an demselben hinlaufenden Waldungen und das Universitätsholz beschränkt. Dasselbe liegt an der Strasse von Leipzig nach Altenburg, und von letzterer Stadt musste die Böhmische Armee herkommen. Sie hatte alsdann die sumpfigen Ufer der Gösel im Rücken, die Pleisse in der linken Flanke, und das grosse Universitätsholz auf dem rechten Flügel, und nur für diesen gab es bei Störmthal zweckmässige Rückzugspunkte. Der linke Flügel hatte keinen andern Rückzug, als das enge winklige Dorf Gröbern, durch das die Poststrasse führt, und worin eine schmale Brücke über die Gösel vorhanden ist. Das Centrum hatte den schmalen Weg durch Göhren und Sestewitz, wo aber ebenfalls die Gösel, so wie beträchtliche Sümpfe und Teiche, einer auf dem Rückzuge begriffenen Armee höchst gefährlich werden können. Ohne Zweifel hatte Napoleon seinen Schlachtplan mit auf die Dörfer Göhren und Gröbern gebaut. Um die grosse Böhmische Armee auf diesen Punkt zu ziehen, hatte er mehrere Tage vorher die Höhen zwischen Göhren und Güldengossa, den Wachtberg genannt, verschanzen und mit Kanonen versehen lassen, scheinbar um den Verbündeten den Weg nach Leipzig streitig zu machen, auch sollten diese Batterien bei einem Rückzuge der Verbündeten deren Niederlage beschleunigen. Der Zweck dieser Verschanzungen wurde theilweise erreicht, indem die Alliirten sich von Borna und Altenburg her, zahlreich vor denselben sammelten, und jetzt, am Abend des 13. October, zogen sich die Franzosen nach Wachau zurück, wodurch die Böhmische Armee auf das von Napoleon bestimmte Schlachtfeld rückte. Auch die am 14. October stattfindende Recognoscirung des Fürsten Wittgenstein, trug nicht wenig dazu bei, die Schlacht auf dem gewählten Terrain zu schlagen, indem die Franzosen immer die Aufmerksamkeit des Feindes auf Wachau zu leiten, und ihnen Liebertwolkwitz und Holzhausen als ihren linken Flügel darzustellen suchten. Am 16. October befand sich Napoleons Hauptquartier bei Reudnitz, das vierte Corps unter Bertrand stand bei Lindenau, Mürat mit der Reiterei bei Liebertwolkwitz, das sechste Corps zu Lindenthal, und das dritte und siebente Corps in dessen Rücken. Mittags um 11 Uhr war die Schlacht in vollem Gange. Schwarzenbergs Plan war, die Französische Armee völlig gegen Leipzig zu drängen, und ihre Operationslinie zu zerstören. Um acht Uhr Morgens stand die Oesterreichische Armee in einer Linie, mit dem linken Flügel an die Pleisse gelehnt, den Rücken an Crostewitz, die Schäferei Auenhain, Güldengossa und die nordwestliche Spitze des Universtätsholzes gestützt, den rechten Flügel an Grosspösna und Seifertshain, und der Angriff begann, worauf die Franzosen aus Markkleeberg vertrieben wurden, und ein Angriff auf Wachau erfolgte. Diese Orte, sowie Liebertwolkwitz wurden mehrere Male erstürmt und verloren, und blieben endlich im Besitze der Franzosen. Jetzt rückte Napoleon mit seiner Gardeartillerie und vier Divisionen der jungen Garde heran, warf sich auf das Centrum der Verbündeten und drängte es zurück, die Verbündeten aber zogen ihre Reserven heran und bemächtigten sich in der rechten Französischen Flanke des Dorfes Dölitz. Bei Wachau fand der berühmte Reiterangriff statt. Der General Meerveldt mit einem über

Empfohlene Zitierweise:
Gustav Adolf Pönicke (Hrsg.): Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen I. Section. Expedition des Albums Sächsischer Rittergüter und Schlösser, Leipzig 1860, Seite 63. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Album_der_Schl%C3%B6sser_und_Ritterg%C3%BCter_im_K%C3%B6nigreiche_Sachsen_I.djvu/090&oldid=3129106 (Version vom 21.5.2018)