Seite:Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen I.djvu/165

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Wechselburg.


Wechselburg, mit einem stattlichen Schlosse, der Residenz der Vorderglauchauischen Linie des gräflichen Hauses Schönburg, liegt eine Stunde von Rochlitz, am Fusse des, wegen seiner herrlichen und weiten Aussichten berühmten, Rochlitzer Berges, am rechten Ufer der Zwickauer Mulde. Der Ort liegt auf einer Anhöhe, von welcher sich in südlicher Richtung eine Reihe von Hügeln hinzieht, wird von der Mulde in einem Halbkreise umschlossen und hat nach Norden hin an den schroffen Felsenufern eben so wildromantische als gegen Süden, der breiten Thalebene entlang, liebliche und fruchtbare Parthieen; in dieser nahen Begrenzung und vielfachen Abwechselung beider Charaktere aber liegt der eigenthümliche Reiz der Gegend. Das linke Ufer der Mulde ist hier aus schroffen Abhängen gebildet und enge zusammengedrängt in ein schmales Bett rauscht der Strom vorüber, worauf er allmälig breiter und ruhiger durch das unbeschreiblich liebliche Silberthal sich nach der Rochlitzer Ebene hinschlängelt. Der Bogen, welchen die Mulde bei Wechselburg bildet, umgrenzt den herrschaftlichen Park, dessen schattige Parthieen am Ufer hin ebensosehr den Geist dieser romantischen Gegend repräsentiren, wie die höher befindlichen Gartenanlagen durch schöne und geschmackvolle Abwechselung und Ausstattung den Kunstfreund vollständig befriedigen. Auf der Eulenkluft, dem höchsten Punkte des schroffen Muldenufers, befindet sich ein grosses, schwarzes Kreuz mit der Jahreszahl 1823, das S. Erlaucht Graf Alban von Schönburg-Wechselburg errichten liess, welchem Herrn denn überhaupt nicht nur die ganze Gegend, sondern auch das Schloss, der Park und die Kirche ungemeine Verschönerungen zu verdanken haben. Am rechten Ufer des Stromes, dem Kreuze schräg gegenüber, steht auf vier steinernen Unterlagen eine achtseitige, ungeheure Porphyrplatte, ohne Zweifel ein tausendjähriger slavischer Opferaltar, auf dem man dem Gotte Crodo Opfer schlachtete, denn der Stein wurde bei Crodenlaide, einer dem Crodo geheiligten Stätte, nahe bei Meerane, gefunden. Weiter abwärts befindet sich eine Fähre, durch welche man auf die jenseitige, mit Wald und Wiesen abwechselnde, Traschke genannte Flur gelangt. Höher und entfernter ist eine Einsiedelei mit schöngemalten Fenstern angebracht, und fast am östlichen Ende der Gänge steht auf einer steilen Höhe ein 1824 von Penig hierhergebrachtes Gebäude, Burgstall genannt, von dem man eine bezaubernde Aussicht auf den in schwindelnder Tiefe ruhig dahinziehenden Fluss, die gegenüberliegenden Waldriesen und die hohen Rochlitzer Steinbrüche geniesst. Hier mag in grauer Vorzeit eine kleine feste Burg gestanden haben, von der noch einzelne Ruinen und Gräben Zeugniss geben. Ueber einem entfernter liegenden Hügel führt der Weg nach Rochlitz, und hier erblickt man, aus den Gipfeln alter Bäume hervorragend, die Spitze der Wechselburger Kirche.

Schlägt man die Richtung nach Südosten ein, so gelangt man auf einen trefflichen von Pappeln eingefassten Fahrweg, der nach dem Dorfe Nöbeln und gegen Süden am Schiesshause vorbei nach Göritzhain führt. Jenseits der Brücke leitet ein Fussweg rechts über die Selichbach nördlich nach dem Rochlitzer Berge, ein Fahrweg westlich über Mutzscheroda nach Geithain, ein anderer über Altzschillen südlich nach Göhren und südwestlich über Korba nach Penig. Von der Mühle an ziehen sich auf dem rechten Ufer der Mulde, mit dem Parke zusammenhängend, trefflich unterhaltene englische Anlagen hin, in denen herrliche alte Eichen stehen, und zwar bis nahe an die eine halbe Stunde entfernte Mündung der Chemnitz, wo beide Flüsse abermals sehr romantische Ufer bilden. An allen diesen Punkten schwelgt das Auge in den herrlichsten Landschaftsbildern, sowol vom Orte selbst auf die das Muldenthal umfassenden Berge mit ihren immergrünen Nadelholzwaldungen, auf die gesegneten Fluren,

     Leipziger Kreis, 14tes Heft, oder 51stes der ganzen Folge.

Empfohlene Zitierweise:
Gustav Adolf Pönicke (Hrsg.): Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen I. Section. Expedition des Albums Sächsischer Rittergüter und Schlösser, Leipzig 1860, Seite 105. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Album_der_Schl%C3%B6sser_und_Ritterg%C3%BCter_im_K%C3%B6nigreiche_Sachsen_I.djvu/165&oldid=3172824 (Version vom 27.6.2018)