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Obernitzschka.


Obernitzschka, welches mit Unternitzschka beinahe zusammenhängt, liegt eine Meile von Grimma und 1 Stunde oberhalb Wurzen und ½ Stunde von Trebsen am rechten Ufer der Mulde, unweit der Strasse von Wurzen nach Leisnig, in einer breiten, wiesenreichen angenehmen Aue gegen 440 Pariser Fuss über dem Meere. Von den jenseitigen Höhen bei Walzig und Pausitz giebt der Ort eine vortreffliche Ansicht. Die Einwohnerzahl beträgt über 400 Seelen. In Obernitzschka ist eine sehr schöne Kirche, die Schwesterkirche des mehr im Süden liegenden Neichen. Hinzugepfarrt sind Unternitzschka, Oelzsch und die Sonnenmühle. Obernitzschka hatte auch seinen eigenen Pfarrer früher, weshalb heute noch Letzterer sein Wohnhaus auch Grundstücke und Garten zur Benutzung und Pflege innen hat. Die Kirche gehört unter die Präpositur und Sedes Wurzen.

Im Jahre 1546 sind beide Kirchen vereinigt worden. Der damalige Herr Besitzer von Obernitzschka, Herr von Minkwitz, stellte nämlich nach dem Abgange des Pfarrers in Obernitzschka, und nach dem gleichzeitigen Ableben des Pfarrers in Neichen nur einen Pfarrer für beide Kirchen an, weil die Stellen zu gering waren und zwei nicht davon leben konnten.

Nach dem Tode des Herrn von Minkwitz, welcher neben Obernitzschka zugleich Trebsen besass, wohin Neichen gehört, kam das letztere Gut (Trebsen) in andere Hände und es entstand Streit zwischen dem Besitzer desselben und dem von Obernitzschka über die Besitzung der Pfarre, indem beide Besitzer ihre Kirche für die Hauptkirche erklärten, also beide das Besitzungsrecht in Anspruch nahmen.

Das damalige Consistorium zu Leipzig entschied dahin, dass bei solcher Sachlage das Collaturrecht zwischen beiden Besitzern abwechseln solle. Und so ist es heute noch. An beiden Kirchen ist ein Pfarrer geblieben, der in Neichen wohnt, aber in beiden Kirchen gleiche Functionen hat.

Was die Kirche von Obernitzschka selbst anlangt, so ist solche auf einem hohen Platz erbaut, von welchem man eine weite schöne Aussicht hat. Sie grenzt unmittelbar mit dem Herrenhause des Ritterguts. Die Zeit ihrer Erbauung kann nicht genau bestimmt werden. Nach allen Andeutungen zu schliessen ist dieselbe vor der Reformation schon erbaut worden. Sie hat manches Schicksal erfahren. Im Jahre 1674 stürzte der Thurm ein, wodurch das Chor bis an die Hälfte der Canzel mit herunter gerissen wurde, ohne jedoch das Rittergut zu beschädigen. Die Maurer suchten die Ursache des Einsturzes in den dem Grunde des Thurmes zu nahe gebrachten Gräbern. Bis zum Jahre 1677 ist an dem neuen Thurm dann gebaut und das Innere der Kirche nach und nach hergestellt worden.

Im Jahre 1604 wurde durch ein grosses Feuer, durch welches die Rittergutsgebäude, 6 Bauergüter, Pfarre und Schule niederbrannten, der Thurm abermals mit zerstört, ohne jedoch der Kirche selbst grossen Schaden zu thun. Die 3 Glocken waren zerschmolzen und herabgefallen.

Empfohlene Zitierweise:
Gustav Adolf Pönicke (Hrsg.): Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen I. Section. Expedition des Albums Sächsischer Rittergüter und Schlösser, Leipzig 1860, Seite 133. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Album_der_Schl%C3%B6sser_und_Ritterg%C3%BCter_im_K%C3%B6nigreiche_Sachsen_I.djvu/207&oldid=3474923 (Version vom 7.1.2019)