Seite:Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen I.djvu/246

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Polenz


liegt 3½ Stunden nordwestlich von Grimma, ½ Stunde südsüdöstlich von Brandis, 4 Stunden südöstlich von Leipzig an der Strasse von Grimma und Borna, nach Eilenburg, nördlich von der faulen Parde, grösstentheils auf einer Anhöhe, so dass auch der obere Theil des Dorfes besonders eine hohe, freie, gesunde Lage hat. Das Dorf und die Fluren sind rund herum mit schönen und anmuthigen Holzungen umgeben. Der Ort selbst aber hat kein fliessendes Wasser. In früheren Zeiten waren in Polenz zwei Rittergüter, unter dem Namen Ober- und Niederpolenz, weshalb auch heute noch beide Benennungen üblich sind, wiewohl das ganze Dorf nur eine Gemeinde, eine Kirchfahrt bildet und nur zu einem Rittergute gehört. Man versteht übrigens unter Ober-Polenz die herrschaftliche Schäferei, die Pfarre, die Schule, Kirche nebst dem daran stossenden höheren Theile des Orts; unter Nieder-Polenz, aber die Rittergutsgebäude, Stallungen, Scheunen und den Rest des Dorfes. Nieder-Polenz liegt am östlichen Abhange jener Anhöhe, worauf der grössere Theil des Orts gebaut ist.

Die Gebäude des Rittergutes stehen auf der Höhe, sind sehr ansehnlich und neu erbaut und umfassen ein hübsches Herrenhaus. Zu dem Gute selbst gehört eine bedeutende Oekonomie und auch etwas Waldung. Die Gegend hat überhaupt viel Holzung und im ganzen einen hügeligen, nicht unangenehmen Charakter. Der Boden der Ritterguts- und der Dorffluren ist etwas sandig, deshalb in nassen Jahren besonders ergiebig. Zu dem Rittergute gehört sehr schönes, wohl bestandenes Laubholz und eine treffliche Schäferei.

Das hiesige Rittergut ist schon seit mehreren Jahrhunderten im Besitze der altadelichen Familie von Lindenau gewesen, welche früher auch die nahen Rittergüter Machern und Ammelshain besassen.

Bereits im Jahre 1491 trifft man hier Hans von Lindenau, welcher das Gut 1472 erheirathete, sein dritter Sohn Wilhelm, erbte das väterliche Gut. Dieser war ein grosser Freund der Kirchenverbesserung und hatte deshalb vielen Verdruss mit dem Bischoffe von Merseburg, unter dessen geistlichen Gerichtssprengel Polenz gehörte. Im Jahre 1514 starb Bischoff Thilo von Trotta, welcher seinen Kammerdiener auf den blosen Verdacht einen Ring entwendet zu haben, hinrichten lies. Diesen Ring fand in späterer Zeit ein Schieferdecker in einem Rabenneste auf einem der Thürme der Domkirche. An dem neuen Schloss der Domkirche zu Merseburg bemerkt man auswendig überall Raben in Stein gehauen, welche zu dem Familien-Wappen des Bischoffs Thilo von Trotta gehören. Diesem Thilo vom Trotta folgte der 41. Bischoff Sigismund von Lindenau, ein Verwandter des Besitzers von Polenz, Wilhelm von Lindenau. Der Bischoff von Lindenau war der Reformation nicht ganz abgeneigt, doch verfolgte er in seinem Sprengel die Anstellung lutherischer Prediger. Der Besitzer von Polenz, Wilhelm von Lindenau hatte 1523 Johann Kresse als Prediger in Polenz angestellt. Weil nun derselbe sich ein Weib genommen hatte, wurde er vom Bischoffe Sigismund von Lindenau vorgeladen und am Ende förmlich excommunicirt. Der Pfarrer blieb aber dessenungeachtet im Amte, was er um so leichter konnte, da der Kurfürst ganz auf seiner Seite war.

Nach dem Tode des Bischoffs von Lindenau, welcher 1544 erfolgte, hatte der Besitzer von Polenz die Freude, die Reformation im ganzen Sprengel 1545 einführen zu sehen. Wilhelm von Lindenau lebte noch im Jahre 1555. Denn zu dieser Zeit wurden mehre mit dem Rathe und der Bürgerschaft von Grimma wegen verschiedner auf den Gütern Polenz ruhender Gerechtsamen entstandene Streitigkeiten beseitigt. Die Auseinandersetzungen

Empfohlene Zitierweise:
Gustav Adolf Pönicke (Hrsg.): Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen I. Section. Expedition des Albums Sächsischer Rittergüter und Schlösser, Leipzig 1860, Seite 159. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Album_der_Schl%C3%B6sser_und_Ritterg%C3%BCter_im_K%C3%B6nigreiche_Sachsen_I.djvu/246&oldid=3474674 (Version vom 7.1.2019)