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Nöthnitz,


ein für die Literaturgeschichte merkwürdiger Ort, liegt 1¼ Stunde südlich von der Residenz an der Chaussee nach Dippoldiswalde in einer herrlichen reizende Aussichten gewährenden Gegend, an dem darnach benannten Bache.

Das in der Abbildung befindliche Schloss befindet sich in der Tiefe des Thals. Trotz seines Alters gewährt solches doch einen schönen Anblick und von seinem Thürmchen eine weite Aussicht nach dem Loschwitzer Gebirge. Das Schloss selbst enthält mehre kurze Flügel und die Gebäude sind in 2 Gehöfte vertheilt.

Auf diesem Schlosse stand der grösste Theil der Bibliothek, welche der König 1764 vom Grafen von Bünau für 40,169 Thaler für die Dresdner Bibliothek erkaufte, andere Theile derselben befanden sich zu Dahlen, Weimar und Dresden. Diese Bibliothek wurde am 7. April 1769 nach Dresden geschafft. Dieselbe bestand aus 33000 Bänden, unter denen sich 6600 Folio und 10000 Quartbände befanden. Die Literaturgeschichte war 6000, die alte Philologie 700, die Universalgeschichte 1300, die deutsche Geschichte 2000, die Physik 1000, die Jurisprudenz 2600 Werke stark; sie war besonders reich an Büchern über das Staatsrecht, die deutsche Reichsgeschichte und überhaupt über die Staatengeschichte.

Auf dem Schlosse zu Nöthnitz lebten sehr oft grosse und berühmte Gelehrte: Lippert, Hagedorn, Oeser, Heyne bildeten hier einen wissenschaftlichen Club; hier arbeitete Graf Heinrich von Bünau selbst den grössten Theil seiner deutschen Reichsgeschichte aus; hier fertigte Franke, sein Bibliothekar, den berühmten Catalog der Bibliothek; hier bildete sich auch der unsterbliche Winkelmann, welcher unter Franke in den Jahren 1748–1756 an der Bibliothek arbeitete und da die ersten Ideen zu seiner Geschichte der Kunst fasste. Winkelmann war früher Conrector zu Seehausen und wurde von dem Besitzer des Schlosses hierher gezogen. Hier in Nöthnitz lernte ihn der päpstliche Nuntius-Archinto kennen und veranlasste ihn zu einer Reise nach Rom, wo er sein übriges Leben zubrachte. Im Jahre 1768 wollte Winkelmann in seine Heimath zurückkehren, wurde aber zu Triest von Franz Archangeli, dem er seine Kostbarkeiten unvorsichtiger Weise gezeigt hatte, meuchlings ermordet.

Alle diese berühmten Männer, die das Schloss von Nöthnitz bewohnten, zog der allbekannte gelehrte Staatsmann Heinrich Graf von Bünau hierher, welcher durch Vermählung mit Auguste Helene von Döring dieses Gut erworben hatte.

Später acquirirte die Sahr’sche Familie das Gut Nöthnitz mit Rosentitz, von welcher die Besitzung an die Herren von Könneritz kam. Der gegenwärtige Besitzer ist der Oberhofmeister der Prinzessin Auguste, Geheimerath Julius Bernhard von Könneritz, Ritter des Albrechtsordens.

Beide Güter umfassen zusammen 400 Scheffel gutes Feld, 40 Scheffel Wiesen, 120 Scheffel gut bestandnes Holz. Ausserdem besitzt das Rittergut grosse Gärten, starken Obstbau auf den Feldern, Brauerei und Brennerei. Alleen und Obstplantagen zieren den Ort.

Die Gasthöfe in Nöthnitz, die Bruchschenke, die Obermühle unterm Nöthnitzer Schlosse und die vererbpachtete Nieder-Nöthnitzer Mühle sind ebenfalls Zubehör vom Rittergute Nöthnitz.

Das Nöthnitzer Wasser entspringt am östlichen Fusse des Horkenberges oder am westlichen des Göhligberges, gegen 950 pariser Fuss über dem Meere, dasselbe hat keinen Zufluss und fällt nach einstündigem Laufe bei Strehla in den Knitzbach, sein Thalgrund bei Nöthnitz ist zwar nur gegen 50 Ellen tief, aber wegen der schön begrünten, steilen Anhöhen, die ihn einschliessen, sehr angenehm; seine Richtung ist nordnordöstlich.

Dieses Wasser scheidet Nöthnitz von Rosentitz, einem sehr alten Orte, welcher einst dem Kloster Seuslitz zinsbar war. Auch dieses Seuslitz war im 18. Jahrhundert Besitzthum der von Bünau’schen Familie. Im Jahre 1729 wurde in Seuslitz ein Bünau’scher Geschlechts-Convent gehalten, welchem 30 Bünauer beiwohnten. Zum Andenken jenes Tages

Empfohlene Zitierweise:

Gustav Adolf Pönicke (Hrsg.): Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen II. Section. Expedition des Albums Sächsischer Rittergüter und Schlösser, Leipzig 1856, Seite 187. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Album_der_Schl%C3%B6sser_und_Ritterg%C3%BCter_im_K%C3%B6nigreiche_Sachsen_II.djvu/281&oldid=3080739 (Version vom 17.1.2018)