Seite:An den Quellen des Schwechater Biers/18700225

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[18700225]

Feuilleton.




An den Quellen des Schwechater Biers
Von Friedrich Bücker.
(Fortsetzung.)


„Und wenn ich es wirklich wäre, meine Herren – antwortete ich – so würde ich Dreher doch nicht nachzubrauen versuchen und mir durch fruchtloses Experimentiren den Genuß verbittern, den ich bis dato an dem unvergleichlichen Schwechater Märzen gefunden.“

Diese Worte halfen über jedes fernere Hinderniß hinweg, das dem Besuche der Dreher'schen Anlagen noch etwa entgegenstand, und lächelnd wurde mir ein kundiger Führer durch Drehers Unterwelt angewiesen.

„Darf ich mich auf die Zahlen und statistischen Angaben dieses Mannes verlassen?“ fragte ich noch, im Weggehen auf den Führer deutend.

Die Herren zukten mit den Achseln und hatten weiter keine Antwort auf meine wichtige Frage.

„Es ist wahr, man muß sich auch in den schwierigsten Fällen selber zu helfen wissen“, sagte ich und empfahl mich.

Der Führer, der sich mit Lichtern versehen, wie sie in den Uranfängen aller Lichtziehkunst nicht mangelhafter gezogen worden waren – sie ließen sich bequem um den Finger wikeln, woran die Tropenglut da draußen wohl mit Schuld war – schritt durch lange Tunnels voran zu der ersten Abtheilung des Tartarus, den Gährbottichhallen. Unabsehbar standen in Reihe und Glied die umfangreichen, je 40 bis 50 Eimer fassenden Bottiche. Da die Brauzeit bald heranrükte, wurden die invaliden Bottiche reparirt, und der Schlag der Hämmer auf das Holz dröhnte unheimlich in den ausgedehnten Hallen. Die Reise durch diese erste Abtheilung des halbdunklen Tartarus, der nur durch bescheidene Maueröffnungen etwas Licht erhält, dauerte lange und war zuweilen sogar mit Gefahr verbunden. In einigen Hallen führten provisorische, schmale, morsche Stege, darunter die Finsterniß klaffte, die Bottichreihen entlang, und ich mußte tastend, mich rechts und links anklammernd, über Abgründe hinwegsezend, neues Terrain zu gewinnen suchen. Im Winter freilich, wenn gebraut wurde, wanderte man zwischen den Bottichen wie auf einem Parket, doch hätte ich im Winter, wo der Bottichschwaden oder -brodem den Plafond und die Umgebung verhüllt, keinen Uiberblik über die Ausdehnung dieser imposanten Räumlichkeiten gewinnen können, sondern in einem Dunst- und Nebelmeer wandern müssen.

Um nun auch meinen Führer auf den Zahn zu fühlen und seine statistische Zurechnungsfähigkeit zu prüfen fragte ich nach der Anzahl der Bottiche. Er gab sie auf 1450 an und ich wollte ihm keinen Glauben schenken. Da die Bottiche alle nummerirt und mit der Zahl der fassenden Eimer versehen sind, ersuchte ich ihn, mir zu beweisen, daß seine Angabe richtig sei Jezt begann das Durchklettern und Durchwandern der Hallen von Neuem; ich ruhte und rastete aber nicht eher, bis ich eine Zahl fand, die an 1450 hinanreichte. Da stand 1411 und ich war zufrieden.

Meine Aufmerksamkeit wurde noch in hohem Grade durch drei „Glasbottiche“ oder vielmehr Betonbottiche mit innern Glasgußwänden gefesselt, und die Direktion theilte mir später mit, daß sich diese theuern Apparate außerordentlich bewähren. Das allmälich in Fäulniß übergehende Bottichholz – und Dreher hat ganze Eichenwaldungen auf seinem Gewissen – theilt jedem Bier einen gewissen Beigeschmak mit, und dieser soll aus dem berühmten Dreher'schen, so gering er ihm auch anhaftet, gänzlich entfernt werden. Es dürfte somit nach 15 bis 20 Jahren vielleicht kein einziger Holzbottich mehr in den Dreher'schen Anlagen zu finden sein, da das Holz allmälich durch das kostspieligere, aber haltbarere Glas ersezt werden soll.

(Fortsetzung folgt.)