Seite:DE Herzl Judenstaat 14.jpg

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Dieser Einwand wird namentlich in Frankreich hervorkommen. Ich erwarte ihn auch an anderen Orten, will aber nur den französischen Juden im voraus antworten, weil sie das stärkste Beispiel liefern.

Wie sehr ich auch die Persönlichkeit verehre, die starke Einzelpersönlichkeit des Staatsmannes, Erfinders, Künstlers, Philosophen oder Feldherrn sowohl, als die Gesammtpersönlichkeit einer historischen Gruppe von Menschen, die wir Volk nennen, wie sehr ich auch die Persönlichkeit verehre, beklage ich doch nicht ihren Untergang. Wer untergehen kann, will und muss, der soll untergehen. Die Volkspersönlichkeit der Juden kann, will und muss aber nicht untergehen. Sie kann nicht, weil äussere Feinde sie zusammenhalten. Sie will nicht, das hat sie in zwei Jahrtausenden unter ungeheuren Leiden bewiesen. Sie muss nicht, das versuche ich in dieser Schrift nach vielen anderen Juden, welche die Hoffnung nicht aufgaben, darzuthun. Ganze Aeste des Judenthumes können absterben, abfallen; der Baum lebt.

Wenn nun alle oder einige französische Juden gegen diesen Entwurf protestiren, weil sie sich bereits „assimilirt“ hätten, so ist meine Antwort einfach: Die ganze Sache geht sie nichts an. Sie sind israelitische Franzosen, vortrefflich! Dies ist jedoch eine innere Angelegenheit der Juden.

Nun würde allerdings die staatsbildende Bewegung, die ich vorschlage, den israelitischen Franzosen ebensowenig schaden, wie den „Assimilirten“ anderer Länder. Nützen würde sie ihnen im Gegentheile, nützen! Denn sie wären in ihrer „chromatischen Function“, um Darwin’s Wort zu gebrauchen, nicht mehr gestört. Sie könnten sich ruhig assimiliren, weil der jetzige Antisemitismus für immer zum Stillstand gebracht wäre. Man würde es ihnen auch glauben, dass sie bis in’s Innerste ihrer Seele assimilirt sind, wenn der neue Judenstaat mit seinen besseren Einrichtungen zur Wahrheit geworden ist, und sie dennoch bleiben, wo sie jetzt wohnen.

Noch mehr Vortheil als die christlichen Bürger würden die „Assimilirten“ von der Entfernung der stammestreuen Juden haben. Denn die Assimilirten werden die beunruhigende, unberechenbare, unvermeidliche Concurrenz des jüdischen Proletariats los, das durch politischen Druck und wirthschaftliche Noth von Ort zu Ort, von Land zu Land geworfen wird. Dieses schwebende Proletariat würde festgemacht werden. Jetzt können manche christliche Staatsbürger – man nennt sie Antisemiten – sich gegen die Einwanderung fremder Juden sträuben. Die israelitischen Staatsbürger können das nicht, obwohl sie viel schwerer betroffen


Empfohlene Zitierweise:
Theodor Herzl: Der Judenstaat, Berlin und Wien 1896, Seite 14. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DE_Herzl_Judenstaat_14.jpg&oldid=3230748 (Version vom 31.7.2018)