Seite:DarwinAusdruck.djvu/158

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Ich habe häufig beobachtet, daß, wenn Personen irgend einen Punkt, der sie unerträglich juckt, kratzen, sie gewaltsam ihre Augenlider schließen. Ich glaube aber nicht, daß sie hier einen tiefen Athemzug thun und dann mit Gewalt ausathmen. Auch habe ich niemals beobachtet, daß hierbei die Augen sich mit Thränen füllen; doch bin ich nicht vorbereitet, zu behaupten, daß dies niemals eintritt. Das gewaltsame Schließen der Augenlider ist vielleicht nur ein Theil jener allgemeinen Thätigkeit, durch welche beinahe alle Muskeln des Körpers zu derselben Zeit steif gemacht werden. Es ist vollständig verschieden von dem sanften Schließen der Augen, welches, wie Gratiolet[1] bemerkt, häufig das Riechen eines entzückenden Geruchs oder das Schmecken eines deliciösen Bissens begleitet, und welches wahrscheinlich darin seine Ursache hat, daß man wünscht, jeden andern störenden Eindruck durch die Augen auszuschließen.

Prof. Donders schreibt mir das Folgende: „Ich habe einige Fälle einer sehr merkwürdigen Affection beobachtet, wo nach einem leichten Reiben (attouchement), z. B. nach dem Reiben eines Rockes, welches weder eine Wunde noch eine Contusion veranlaßte, krampfhafte Zusammenziehung der Kreismuskeln mit einem profusen Thränenergusse eintraten, welche ungefähr eine Stunde anhielten. Später, zuweilen nach einer Zwischenzeit von mehreren Wochen traten nochmals heftige Krämpfe derselben Muskeln ein in Begleitung von Thränenabsonderung und verbunden mit primärer oder secundärer Röthung des Auges.“ Mr. Bowman theilt mir mit, daß er gelegentlich ganz analoge Fälle beobachtet hat und daß in einigen derselben keine Röthung oder Entzündung der Augen eingetreten ist.

Ich war begierig, zu ermitteln, ob bei irgend einem der niedern Thiere eine ähnliche Beziehung zwischen der Zusammenziehung der Kreismuskeln während heftigen Ausathmens und der Absonderung von Thränen bestände. Es gibt aber sehr wenige Thiere, welche diese Muskeln in einer lang andauernden Art zusammenziehen oder welche Thränen vergießen. Der Macacus maurus, welcher früher in dem zoologischen Garten so reichlich weinte, würde einen schönen Fall zur Beobachtung dargeboten haben. Die beiden Affen aber, welche sich jetzt dort befinden und von denen man annimmt, daß sie zu derselben Species gehören, weinen nicht. Nichtsdestoweniger hat sie


  1. De la Physiognomie, 1865, p. 217.
Empfohlene Zitierweise:
Charles Darwin: Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren. E. Schweizerbart'sche Verlagshandlung (E. Koch), Stuttgart 1877, Seite 150. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DarwinAusdruck.djvu/158&oldid=- (Version vom 31.7.2018)