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sehr viel Wahres, aber kaum die ganze Wahrheit. Dr. Duchenne hat den Augenbrauenrunzler den Muskel der Überlegung genannt,[1] aber es kann dieser Name ohne einige Einschränkung nicht als völlig correct betrachtet werden.

Es kann ein Mensch in das tiefste Nachdenken versunken sein; seine Augenbrauen bleiben doch glatt, bis er im Zuge seines Nachdenkens auf irgend ein Hindernis stößt oder bis er durch irgend eine Störung unterbrochen wird, dann zieht ein Stirnrunzeln wie ein Schatten über sein Gesicht. Ein halbverhungerter Mensch kann intensiv darüber nachdenken, wie er sich Nahrung verschaffen könnte; wahrscheinlich wird er aber kein Stirnrunzeln zeigen, bis er entweder im Gedanken oder bei einer Handlung auf irgend welche Schwierigkeit stößt, oder wenn er die endlich erlangte Nahrung ekelhaft findet. Ich habe bemerkt, daß beinahe ein Jeder augenblicklich die Stirn runzelt, wenn er in dem, was er ißt, einen fremdartigen oder schlechten Geschmack wahrnimmt. Ich bat mehrere Personen, ohne ihnen meine Absicht zu erklären, aufmerksam auf ein leises klopfendes Geräusch hinzuhören, dessen Natur und Quelle sie sämmtlich vollkommen kannten; nicht eine von ihnen runzelte die Stirn. Als aber Jemand sich zu uns gesellte, der nicht begreifen konnte, was wir alle im tiefsten Stillschweigen thäten, und dann gebeten wurde, aufzuhorchen, runzelte er die Stirn stark, wenn schon nicht aus übler Laune, und sagte, er könne nicht im Mindesten verstehen, was wir Alle wollten. Dr. Piderit,[2] welcher Bemerkungen ähnlichen Inhalts veröffentlicht hat, fügt noch hinzu, daß Stotterer gewöhnlich beim Sprechen die Stirn runzeln und daß ein Mensch selbst beim Ausführen einer so geringfügigen Handlung wie dem Anziehen eines Stiefels die Stirn runzelt, wenn er ihn zu eng findet. Manche Personen runzeln die


  1. Mécanisme de la Physionomie Humaine, Album, Legende III.
  2. Mimik und Physiognomik. S. 46.
Empfohlene Zitierweise:
Charles Darwin: Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren. E. Schweizerbart'sche Verlagshandlung (E. Koch), Stuttgart 1877, Seite 203. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DarwinAusdruck.djvu/215&oldid=- (Version vom 31.7.2018)