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diese Vergünstigung zu gewähren“, „er muß seinen eigenen Gang gehen, ich kann ihn nicht aufhalten“. Das Zucken mit den Schultern drückt gleichfalls Geduld oder die Abwesenheit irgend welcher Absicht zu widerstehen aus. Daher werden die Muskeln, welche die Schultern erheben, wie mir ein Künstler mitgetheilt hat, zuweilen die „Geduldmuskeln“ genannt. Der Jude Shylok sagt:

„Signor Antonio, viel und oftermals
Habt ihr auf dem Rialto mich geschmäht
Um meine Gelder und um meine Zinsen;
Stets trug ich's mit geduld'gem Achselzucken.“
Kaufmann von Venedig, Act 1, Scene 3.

Sir Ch. Bell hat eine lebensgetreue Abbildung eines Mannes gegeben,[1] welcher vor irgend einer fürchterlichen Gefahr zurückschreckt und im Begriffe ist, in verlorener Angst aufzuschreien. Er ist dargestellt mit seinen Schultern beinahe bis zu den Ohren erhoben und dies deutet sofort an, daß kein Gedanke an Widerstand vorhanden ist.

Da das Zucken mit den Schultern allgemein den Sinn hat: „ich „kann dies oder das nicht thun“, so drückt es zuweilen durch eine unbedeutende Änderung aus: „ich will es nicht thun“. Die Bewegung drückt dann einen festen Entschluß aus, nicht zu handeln. Olmsted beschreibt[2] einen Indianer in Texas, welcher stark mit seinen Schultern zuckte, als ihm mitgetheilt wurde, daß eine Partie Reisende Deutsche wären und nicht Americaner, womit er ausdrücken wollte, daß er nichts mit ihnen zu thun haben wollte. Bei mürrischen und trotzköpfigen Kindern kann man sehen, wie sie ihre beiden Schultern hoch emporhoben. Diese Bewegung wird aber nicht von andern begleitet, welche allgemein ein echtes Schulterzucken begleiten. Ein ausgezeichneter Beobachter[3] sagt, als er einen jungen Mann beschreibt, welcher entschlossen war, dem Wunsche seines Vaters nicht nachzugeben: „er steckte seine Hände tief in die Tasche und zog die Schultern bis an die Ohren in die Höhe; dies war ein deutliches Zeichen dafür, daß, mag es recht oder unrecht sein, dieser Fels aus seiner festen Stellung nur dann fortbewegt würde, sobald es Jack wollte, und daß irgend welche Vorstellung über die Sache vollständig vergebens


  1. Anatomy of Expression, p. 166.
  2. Journey through Texas, p. 352.
  3. Mrs. Oliphant, The Brownlows, p. 206.
Empfohlene Zitierweise:
Charles Darwin: Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren. E. Schweizerbart'sche Verlagshandlung (E. Koch), Stuttgart 1877, Seite 247. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DarwinAusdruck.djvu/265&oldid=- (Version vom 31.7.2018)