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scheint, beträchtliches Gewicht. Es ist notorisch, daß nichts eine schüchterne Person so stark zum Erröthen bringt, als irgend eine wenn auch noch so unbedeutende Bemerkung über ihre persönliche Erscheinung. Man kann selbst den Anzug einer leicht zum Erröthen geneigten Frau nicht beachten, ohne dadurch zu veranlassen, daß sich ihr Gesicht purpurn färbt. Bei manchen Personen genügt es, sie scharf anzustarren, um sie, wie Coleridge bemerkt, „erröthen zu machen: — Erkläre dies wer kann“.[1]

Bei den zwei von Dr. Burgess[2] beobachteten Albinos verursachte „der geringste Versuch, ihre Eigentümlichkeiten zu untersuchen, ausnahmlos ein tiefes Erröthen.“ Frauen sind viel empfindlicher in Bezug auf ihre persönliche Erscheinung als es Männer sind, besonders alte Frauen im Vergleich mit alten Männern. Auch erröthen sie viel leichter. Die jungen Individuen beiderlei Geschlechts sind in Bezug auf denselben Punkt viel empfindlicher als die alten und sie erröthen auch viel leichter als alte. Kinder erröthen in einem sehr frühen Alter nicht, auch zeigen sie die andern Zeichen des Selbstbewußtwerdens nicht, welche allgemein das Erröthen begleiten, und es ist einer ihrer Hauptreize, daß sie nicht darüber nachdenken, was Andere von ihnen denken. In diesem frühen Alter können sie einen Fremden mit einem festen Blicke und nicht blinkenden Augen wie einen unbelebten Gegenstand anstarren in einer Weise, welche wir ältere Personen nicht nachahmen können.

Es ist für Jedermann klar, daß junge Männer und Frauen in Bezug auf die gegenseitige Meinung hinsichtlich ihrer persönlichen Erscheinung im hohen Grade empfindlich sind, und sie erröthen unvergleichlich mehr in der Gegenwart des andern Geschlechts als in der ihres eigenen.[3] Ein junger nicht leicht erröthender Mann wird sofort bei irgend einer unbedeutenden lächerlichen Bemerkung eines Mädchens über seine Erscheinung intensiv erröthen, dessen Urtheil über irgend einen wichtigen Gegenstand er vollständig unbeachtet lassen würde. Kein glückliches Paar junger Liebender, welche die


  1. Im Laufe einer Erörterung über den sogenannten thierischen Magnetismus, in: Table Talk, Vol. I.
  2. a. a. O. p. 40.
  3. Mr. Bain bemerkt (The Emotions and the Will, 1865, p. 65) über die Schüchternheit der Manieren, daß dieselbe „bei dem Verkehr der beiden Geschlechter durch den Einfluß der gegenseitigen Beachtung herbeigeführt werde und zwar in Folge der beiderseitigen Besorgnis, nicht gut zu einander zu passen.“
Empfohlene Zitierweise:
Charles Darwin: Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren. E. Schweizerbart'sche Verlagshandlung (E. Koch), Stuttgart 1877, Seite 299. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DarwinAusdruck.djvu/319&oldid=- (Version vom 31.7.2018)