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Ein Mensch kann sein Herz mit Haß oder dem schwärzesten Verdachte erfüllt haben oder von Neid oder Eifersucht zernagt sein: da aber diese Gefühle nicht sofort zu Handlungen führen und sie gewöhnlich eine Zeit lang anhalten, so werden sie auch durch kein äußerliches Zeichen sichtbar, ausgenommen, daß ein Mensch in diesem Zustande sicherlich nicht gemüthlich und gut gelaunt erscheint. Wenn diese Gefühle in äußerliche Handlungen umschlagen, so nimmt Wuth ihre Stelle ein und wird deutlich gezeigt. Maler können kaum Verdacht, Eifersucht, Neid u. s. w. porträtiren, ausgenommen mit Hülfe von Nebendingen, welche die Geschichte zu erzählen haben, und Dichter brauchen solche unbestimmte und phantastische Ausdrücke wie „grünäugige Eifersucht“.[1] Spencer beschreibt Verdacht als „faul, misgünstig und grimmig, schief unter den Augenbrauen vorschielend“ u. s. w. Shakespeare spricht vom Neid als „hager in ekler Höhle“ (2. Heinr. VI., Act III, Sc. 2); an einer andern Stelle sagt er: „sicher soll schwarzer Haß mein Grab nicht bauen“ (Heinr. VIII., Act II, Sc. 1); und weiter „außer dem Bereich des blassen Neids“ (Titus Andr. Act II, Sc. 1).

Gemüthsbewegungen und Empfindungen sind oft als erregende und deprimirende classificirt worden; wenn alle Organe des Körpers und der Seele — diejenigen der willkürlichen und unwillkürlichen Bewegung, der Wahrnehmung, Empfindung, des Denkens u. s. w. — ihre Functionen energischer und schneller als gewöhnlich ausführen, so kann man sagen, daß ein Mensch oder ein Thier erregt, und im entgegengesetzten Zustande, daß er niedergeschlagen sei. Zorn und Freude sind vom Anfang an erregende Gemüthsbewegungen und sie führen naturgemäß, besonders der erstere, zu energischen Bewegungen, welche auf das Herz und dieses wieder auf das Gehirn zurückwirken. Ein Arzt machte einmal gegen mich die Bemerkung, um die aufregende Natur des Zornes zu beweisen, daß, wenn man im äußersten Grade abgespannt ist, man sich zuweilen eingebildete Beleidigungen erfindet und sich in Leidenschaft bringt und zwar ganz unbewußt, nur um sich selbst wieder zu kräftigen. Und seitdem ich diese Bemerkung gehört habe, habe ich gelegentlich ihre vollständige Wahrheit anerkannt.


  1. * „Green-eyed jealousy“, Kaufmann von Venedig, Act III, Sc. 2. Schlegel übersetzt es nicht, sondern sagt: „blasse Schüchternheit“.
Empfohlene Zitierweise:
Charles Darwin: Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren. E. Schweizerbart'sche Verlagshandlung (E. Koch), Stuttgart 1877, Seite 72. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DarwinAusdruck.djvu/78&oldid=- (Version vom 31.7.2018)