Seite:Das Trinkgeld.pdf/44

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schöne Frucht, mit der es die Gesellschaft beschenkt hat! Es ist der Fluch, den der minder begüterte und ordentliche Mann von einer Unsitte entgegennehmen muss, die der Reiche und der Verschwender sich auf ihren Leib zugeschnitten haben.


XII.

Ich fasse jetzt noch eine Seite des Trinkgeldwesens ins Auge, die der zweiten und dritten Art gemeinsam ist: die moralische Einwirkung des Trinkgeldes auf den Empfänger. Ich würde auf letztere vielleicht gar nicht aufmerksam geworden sein, wenn nicht der Zufall mir zu Hülfe gekommen wäre und mir Beobachtungen ermöglicht hätte, die mir im regulären Lauf der Dinge nicht zu Theil geworden wären.

Vor mehreren Jahren hatte ich bei meinem Aufenthalt in einem der ersten deutschen Luxusbäder in einem dortigen Kaffeehause Wohnung genommen. Das Leben dauerte in demselben bis tief in die Nacht hinein. Es frappirte mich, dass es in einem Bade Gäste gab, welche die Nacht zum Tage machten, und ich erfuhr auf mein Befragen, dass es allerdings nicht Badegäste seien, welche sich diese Excesse erlaubten, sondern Einheimische und zwar die Aristokratie der Kellnerwelt: die Oberkellner aus den vornehmsten Gasthöfen. Des Abends, wenn die Gäste zu Bett gegangen sind, fängt für sie der Tag erst an. Jetzt spielen sie

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Rudolf von Jhering: Das Trinkgeld. Georg Westermann, Braunschweig 1882, Seite 44. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Das_Trinkgeld.pdf/44&oldid=- (Version vom 31.7.2018)