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Waffen und zog in den Kampf gegen Windmühlenflügel. Eine tiefere Verbeugung konnte Herr Möbius übrigens der Dichtkunst des alten Norwegers nicht machen. Er sagt zwar, dass nicht sowohl die Nora, die ja nur ein Theatergespenst sei, als der begeisterte Beifall, den ihr Handeln gefunden, ihn so sehr erschreckt habe. Solcher leidenschaftliche andauernde Beifall kann allerdings nachdenklich machen und auch zum Erschrecken Anlass geben, etwa über die eigene Stumpfheit und Blindheit; denn er pflegt dann aufzutosen, wenn es einem Zeitgenossen gelang, Das klar zu formuliren, was schon auf vielen Gemüthern dumpf und bedrückend lastete, ohne seinen Ausdruck finden zu können. Neue Gedanken haben diese Wirkung nie. Sie stossen zunächst auf Unglauben und Widerwillen. Wo ein Sturmwind an Zustimmung und Antheilnahme aufspringt, da ist etwas ausgesprochen worden, das sich lange im Stillen vorbereitet hatte und für dessen Aufnahme die Gemüther reif waren. Das sollte Möbius wissen. Er selbst hat freilich Nora ganz so aufgefasst, wie unsere „versimpelten“ Bierphilister, eine Spezies, die leider beinahe so zahlreich vertreten ist wie die der „versimpelten“ Weiber. Diese sehen in Nora nichts als die pflichtvergessene Frau, die Mann und Kinder verlässt, um der eigenen Bildung willen.

Möbius also ward vom Ekel und Zorn erfasst. An dem Gelehrtenstuben-Horizont seines Geistes stieg das Gespenst des „neuen“ Weibes auf. Er sah die gesund-schwachsinnigen Weiber zu Gehirndamen werden, die keine Kinder gebären wollen oder können und damit den Untergang des Volkes herbeiführen müssen. Und darum rief er, so laut er konnte: Männer Europas, schützt Euch vor dem Intellectualismus der Weiber! Unkluger Weise brach er im Uebereifer den eigenen Waffen die Spitze ab, da er von dem gesunden, naturgemässen Weibe und seiner Stellung ein so abstossendes Bild entwarf, dass jeder einsichtige Mann nur lächelnd den Kopf schütteln konnte.

Und doch ist in der Schrift Mancherlei, das eine ernste Gegenrede wohl verdient, manche richtige Beobachtung, mancher unstreitig wahre Vordersatz.

Ich glaube, zum Beispiel, mit Möbius, dass das kräftigere Instinctleben gesunder Weiber ein kostbares Gut ist, viel kostbarer als irgend welche Gelehrsamkeit. Aber ich glaube, dass der fortschreitenden Abnahme dieser Instinctkraft durch die Einflüsse der Kultur innerhalb eines Kulturvolkes auf keine Weise Einhalt zu gebieten ist, am Allerwenigsten durch einen dem erwachten Persönlichkeitbewusstsein des Weibes angethanen Zwang.

Ich glaube auch, dass die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des begabten Weibes ein Wenig geringer sind als die des entsprechend begabten Mannes; aber sicherlich sind alle Fähigkeiten des Weibes von der Natur zur Entwickelung bestimmt und ihrer werth.

Die Befürchtung, dass durch Kultivirung der weiblichen Kräfte ein reiz- und nutzloser Zwitter herangezüchtet würde, halte ich für durchaus unbegründet. Man verwechselt künstliche Aufpfropfung männlicher Wesenszüge mit organischer Entfaltung des im Keim vorhandenen Menschlichen. Uebrigens wäre es eben so aussichtvoll, die Hälfte der Wassermasse eines

Empfohlene Zitierweise:
Paul Julius Möbius: Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes. 5. veränderte Auflage. Marhold, Halle a. S. 1903, Seite 100. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_%C3%9Cber_den_physiologischen_Schwachsinn_des_Weibes_(M%C3%B6bius).djvu/100&oldid=- (Version vom 31.7.2018)