Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 1.pdf/105

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hat eine gleiche Organisationsfähigkeit wie wir, keines einen gleichen Willen zur Disziplin, in gleichem Maße die Befähigung, sich den Gesetzen einer straffen Disziplin unterzuordnen. Dieser Begabung verdanken wir unsere besten Erfolge, unsere brauchbarsten öffentlichen Institutionen. Der preußische Staat ist eine Schöpfung der Disziplin, wie unsere Armee und unser Beamtentum. Was andere Völker im Feuer nationaler Begeisterung vermocht haben, das haben wir nicht selten durch die Kraft der Disziplin geleistet. Nach dem Kriege von 1866, der nicht populär war, in den die Truppen nicht wie ein halbes Jahrhundert zuvor von patriotischer Begeisterung vorwärtsgetrieben wurden, sondern den Marsch nach Böhmen in schweigender Unterordnung unter die Befehle der Heeresleitung antraten und unter dem Gesetz der Disziplin so glorreich siegten wie die Väter mit der Schwungkraft des Enthusiasmus, schrieb ein Franzose bewundernd: Der böhmische Krieg habe gezeigt, was mit den Kräften der Disziplin allein zu leisten wäre. Es ist eine der besten politischen Tugenden des Deutschen, daß er Disziplin im Leibe hat. Aus dieser Tugend zieht freilich auch die Sozialdemokratie Nutzen. Nur in einem Staatswesen, dessen Bürger an Disziplin gewöhnt sind, die in der Armee widerspruchslos gehorchen gelernt haben, die starre Ordnung des Verwaltungsapparates täglich und stündlich fühlen, konnte eine Parteiorganisation von der Größe und Geschlossenheit der deutschen Sozialdemokratie entstehen. Wie die 4216 Ortsvereine sich den 48 Landes- und Bezirksverbänden, diese sich dem Zentralverband fügen, wie die enormen Beiträge gezahlt werden, als handele es sich um gesetzmäßige Steuern, wie die Versammlungen organisiert sind, wie die Massendemonstrationen sich ordnen, als seien sie militärische Operationen: das alles ist nicht allein Produkt parteipolitischer Begeisterung, sondern auch des dem Deutschen im Blute liegenden Disziplingefühls. Kein Volk der Welt kennt oder hat jemals eine gleiche oder ähnliche Parteiorganisation gekannt. Die Klubs der Jakobiner, die sich auch wie ein Netz über Frankreich spannten, waren nur ein blasses Vorbild unserer sozialdemokratischen Organisation. Die Provinzklubs folgten der Pariser Zentrale nur, solange diese die Macht im Staat hatte und konnten später ohne Mühe auf einen Wink der Direktorialregierung geschlossen werden. Das feste Gewebe der deutschen sozialdemokratischen Partei würde sich so kurzerhand nicht zerreißen lassen.

Der verstorbene Botschafter in Petersburg General v. Schweinitz sagte mir einmal: „Es gibt nur zwei ganz vollkommene Organisationen auf der Welt: die preußische Armee und die katholische Kirche.“ Soweit nur die Organisation in Frage kommt, könnte man versucht sein, der deutschen Sozialdemokratie ein ähnliches Lob zu spenden. In einer meiner Reichstagsreden – es war im Dezember 1903 – sagte ich in diesem Zusammenhange: „Wenn ich der Sozialdemokratie ein Zeugnis auszustellen hätte, so würde ich sagen: Kritik, Agitation, Disziplin und Opferfreudigkeit Ia, positive Leistungen, Klarheit des Programms Vb“. Diese sozialdemokratische Organisation steht unserem bestehenden Staatsleben mit Bewußtsein feindlich gegenüber, sieht in dieser Feindschaft ihre bindende Kraft. Es ist nicht daran zu denken, sie mit dem Staate auszusöhnen und sie damit zugleich aufzulösen, indem man sie für einige Zeit an den Regierungswagen koppelt oder diesen oder jenen Herrn aus ihrer Mitte an der Leitung teilnehmen läßt. Sie fühlt sich viel zu stark, um sich gleichsam als einen der Waggons

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 1. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 89. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_1.pdf/105&oldid=- (Version vom 31.7.2018)