Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 1.pdf/254

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Maschinen- und Verkehrswesen, verdanken, hat auch der kriegerischen Verteidigungs- und Zerstörungsmittel sich bemächtigt. Welche Umwälzungen haben sich in kurzer Zeit in der Bewaffnung der Infanterie, in der Artillerie, im Festungsbau, in den Typen und der Armierung der Kriegsschiffe vollzogen! Wie viele Kriegsmittel sind zu den alten hinzugekommen! Auch in dieser Beziehung treibt ein Staat den anderen, und die Ausgaben wachsen um so rascher.

In viel höherem Maße als beim Machtzweck ist Umfang und Steigerung der Ausgaben für die innere geistige, wirtschaftliche und rechtliche Entwicklung in das Belieben der gesetzgebenden Gewalten gelegt. Ob diese oder jene Ausgabe gesteigert, ob zu den alten noch neue übernommen werden sollen, ist allein von der Rücksicht auf das eigene Bedürfnis und die Größe der verfügbaren Mittel bedingt. Zudem ist der Betätigung des Reiches hier eine gewisse Schranke gezogen durch die Bestimmungen der Reichsverfassung und den eigenen Wirkungskreis der Gliedstaaten. Aber auch die Ausgaben für friedliche Verwaltungszwecke sind in steter Zunahme begriffen. Ja sie sind relativ rascher gewachsen, als die Militärausgaben. Es haben sich im Laufe der Zeit immer mehr Aufgaben eingestellt, die in zweckmäßiger Weise nur von dem größeren Ganzen des Reiches erfüllt werden konnten. Die alten Ausgaben sind bedeutend gewachsen, und nicht wenige neue, an die bei der Gründung des Reiches nicht gedacht werden konnte, haben sich eingestellt.

Werfen wir nach dieser Vorbemerkung einen Blick auf die Ziffern des Reichsbedarfs und verfolgen wir kurz seine Entwicklung seit dem Jahre 1888.

Rüstungsausgaben.

Die fortdauernden Ausgaben betrugen nach Ausscheidung der Überweisungen an die Bundesstaaten, die nur durchlaufende Posten sind, und ohne den Betriebsaufwand für Eisenbahnen, Posten und Telegraphen und die Reichsdruckerei im Jahre 1888: 506,8, 1912: 1501,9 Mill. M., sind also um das Dreifache in die Höhe gegangen; die jährliche Zuwachsrate beträgt in dieser Zeit rund 41,5 Millionen. Von diesen Ausgaben entfielen auf das Heer, mit Einschluß Bayerns, 1888: 378,1, auf die Marine 38,9 Mill. M., während in dem Voranschlag von 1912 für das erstere 785,4, für die letztere 181,1 Mill. M. vorgesehen sind. Die gesamte Landesverteidigung forderte an fortdauernden Ausgaben 1888: 417,0, 1912: 966,5 Mill. M. In Verhältniszahlen sind dies 1888: 82,3, 1912: 64% der Ausgaben. Obwohl sich also die Heeres- und Flottenausgaben in den 25 Jahren mehr als verdoppelt haben, hat ihr prozentualer Anteil um 18% abgenommen. Die übrigen dauernden Ausgaben sind also relativ stärker gestiegen als die für den Machtzweck.

Das Bild wäre freilich lückenhaft, wenn die einmaligen und außerordentlichen Ausgaben unberücksichtigt blieben, die gerade für Heer und Flotte sehr bedeutend sind. Sie sind ihrer Natur nach stark schwankend, und deshalb verbietet sich eine einfache Vergleichung der Anfangs- und der Endziffern. Es genüge die Feststellung, daß in dem Zeitraum 1888–1912 die gesamten einmaligen und außerordentlichen Ausgaben rund 2568 Mill. M., also durchschnittlich 282 Mill. M. im Jahr betragen haben. Davon entfielen auf das Heer 3375, auf die Marine 2608, zusammen also 5984 oder 62%. Während

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 1. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 238. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_1.pdf/254&oldid=- (Version vom 31.7.2018)