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zur Unterstützung des Zentrums gegen die Sozialdemokratie aufgefordert. Seitdem habe ich oft gehört, dies sei ein Fehler gewesen, ich hätte dadurch selbst die Hand dazu geboten, daß mir später eine Mehrheit von Konservativen und Zentrum das Regieren erschwerte. Es ist auch heute noch meine Ansicht, daß ich damals richtig gehandelt habe. Einerseits hatte ich nicht die Absicht, das Zentrum dauernd auszuschalten, andererseits kam für mich eine Unterstützung durch die Sozialdemokratie nicht in Frage.

Das Zentrum.

Das Zentrum ist die starke Bastion, die sich der katholische Teil des deutschen Volkes geschaffen hat, um sich gegen Übergriffe von seiten der protestantischen Mehrheit zu schützen. Die Vorgeschichte des Zentrums ließe sich weit zurückverfolgen, bis in die Zeit, wo im alten Reich dem Corpus evangelicorum das Corpus catholicorum gegenüberstand. Während aber im alten Reich Katholizismus und Protestantismus sich annähernd die Wage hielten, ist im neuen Reich der Katholizismus in die Minderheit geraten, dem alten katholischen Kaisertum ist im neuen Reich ein protestantisches gefolgt. Allerdings hat die katholische Minderheit der Gegenwart gegenüber der protestantischen Mehrheit den großen Vorteil innerer Einheit und Geschlossenheit. Selbst guter Protestant, bestreite ich doch nicht, daß, wenn die Protestanten nicht selten mit Grund über mangelndes Verständnis von seiten der Katholiken klagen, andererseits auch in protestantischen Kreisen vielfach nicht die wünschenswerte Duldsamkeit gegenüber den Katholiken herrscht. Beide Konfessionen haben allen Grund, das schöne Wort von Görres zu beherzigen: „Wir alle, Katholische und Protestantische, haben in unseren Vätern gesündigt und weben fort an der Webe menschlicher Irrsal, so oder anders. Keiner hat das Recht, sich in Hoffart über den anderen hinauszusetzen, und Gott duldet es von keinem, am wenigsten bei denen, die sich seine Freunde nennen.“ Mein alter Regimentskommandeur, der spätere Generalfeldmarschall Freiherr von Loë, ein guter Preuße und guter Katholik, sagte mir einmal, in dieser Beziehung würde es nicht besser werden, bis der bekannte Grundsatz des französischen Rechts que la recherche de la paternité était interdite für uns dahin variiert würde que la recherche de la confession était interdite. In diesem Sinne antwortete er einer ausländischen Fürstin auf die Frage, wie hoch sich der Prozentsatz der protestantischen und der katholischen Offiziere in seinem Armeekorps belaufe: „Ich weiß, wie viele Bataillone, Schwadronen und Batterien ich befehle, aber ich kümmere mich nicht darum, welcher Kirche meine Offiziere angehören.“ So wird in der Armee gedacht, so auch in der Diplomatie, und eine solche Denkweise muß auch an allen übrigen Stellen maßgebend sein. Das Gefühl der Zurücksetzung, das vielfach noch in katholischen Kreisen herrscht, kann nur überwunden werden durch eine wahrhaft paritätische Politik, durch eine Politik, für die es, wie ich es einmal im Abgeordnetenhause ausgesprochen habe, weder ein katholisches noch ein protestantisches Deutschland gibt, sondern nur die eine und unteilbare Nation, unteilbar in materieller, und unteilbar in ideeller Beziehung.

Auf der anderen Seite bestehen aber schwere Bedenken dagegen, daß eine konfessionelle Partei in der Politik einen so außerordentlichen und ausschlaggebenden Einfluß ausübt, wie dies lange Jahre hindurch bei uns der Fall war. Eine Partei, die durch

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 1. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 75. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_1.pdf/91&oldid=- (Version vom 31.7.2018)