Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 2.pdf/587

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das Morgenrot des neuen Tages zu schauen vergönnt. Heute blicken die deutschen Katholiken auf ein an Segnungen und Erfolgen reiches Vierteljahrhundert zurück.

Staat und Kirche.

I. Eine Würdigung des katholisch-kirchlichen Lebens während der Regierungszeit Wilhelms II. muß ausgehen von dem Verhältnisse zwischen Staat und Kirche, wie es sich im verflossenen Jahrhundert entwickelt hatte. Die Voraussetzungen, unter denen die Kirche ihre Wirksamkeit zu entfalten hat, sind von solchem Einflusse auf Richtung, Art und Umfang der letzteren, daß ohne Kenntnis jenes Verhältnisses ein tieferes Verständnis der kirchlichen Vorgänge gar nicht möglich wäre.

Kein zweites Land stellt so enorme Anforderungen an die Klugheit und den Gerechtigkeitssinn seines Herrschers, wie das Deutsche Reich. Denn wenn die Religion die heiligste und innerlichste Angelegenheit des Menschenherzens ist, und wenn darum die religiösen Gegensätze am tiefsten in das Volksleben eingreifen und am schwersten auszugleichen sind, so hat der deutsche Kaiser, in dessen Reiche wie in keinem anderen die Verschiedenheit der Konfessionen sich geltend macht, mit Schwierigkeiten wie kein anderer Monarch zu kämpfen. Und der Vergleich mit der Vergangenheit wird deutlicher als alles andere die Verdienste beleuchten, welche unser dermaliger Kaiser sich um die religiöse Pazifikation seines Staates Preußen wie des Reiches erworben hat.

In früheren Jahrzehnten.

Kaum daß das neue Reich gegründet war, hatte die Stellung der katholischen Kirche zum preußischen Staate – und in anderen deutschen Landen fand das Vorbild des führenden Staates Nachahmung – eine arge Störung erfahren. Zu ihrem Verständnis müssen wir etwas zurückgreifen. Unmittelbar nach der Säkularisation war infolge des Zusammenbruchs der geistlichen Staaten, der dadurch bedingten vollständigen Umgestaltung aller Verhältnisse und namentlich dank den napoleonischen Kriegen trotz der begreiflichen Mißstimmung weiter katholischer Kreise keine Zeit, um an religiöse Gegensätze zu denken. Die Not lehrte beten, aber zugleich über die dogmatischen Unterschiede hinwegsehen. Die gemeinsame Gefahr drängte die sonst verschiedene Wege gehenden Brüder eng zusammen. Als aber nach glücklicher Überwindung des Bedrängers weder von politischer noch von kirchlicher Freiheit die Rede war, mußte sich die Friedensstimmung allmählich verlieren. Wie wenig Preußen mit dem paritätischen Staat Ernst machen werde, davon hatte schon im Jahre 1802 eine Kundgebung des Ministeriums des Äußern eine Vorahnung gegeben, in der die Ansicht ausgesprochen worden war, in der Mischehenfrage „müßten dem Protestanten die Gesetze zu Hilfe sein“. Auch die Deklaration vom 21. November 1803 hatte „den von Sr. Majestät ausgesprochenen Zweck der Beschützung des evangelischen Glaubens“. Wenngleich nun die Schriftstücke mit diesen zweifelhaften paritätischen Grundsätzen erst viel später (1831) allgemein bekannt wurden, so waren diese letzteren doch bald aus den Taten erkenntlich, und nach Veröffentlichung jener Aktenstücke wurde die Stimmung der Katholiken ungünstig genug beeinflußt. Daß der Wiener Kongreß auch die bescheidensten Erwartungen in kirchlicher Hinsicht unerfüllt

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 2. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1024. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_2.pdf/587&oldid=3270424 (Version vom 31.7.2018)