Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/51

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Es brachte ein Gedicht des gefeiertsten Lyrikers der platonischen Zeit, und überhaupt hat die Lyrik stark gewonnen. Doch es kann hier nicht einmal das Wichtigste genannt werden. Wer die Funde übersieht, weiß, daß ziemlich die ganze Literaturgeschichte gezwungen ist, ihre Positionen zu revidieren, und mehr noch bedeutet, daß die Grundlage der ganzen Textkritik sich verschoben hat. Der Willkür und ebenso dem Köhlerglauben an den byzantinisch überlieferten Buchstaben ist der Boden unter den Füßen verschwunden; bis diese Erkenntnis durchdringt, wird es freilich noch eine Weile dauern. Aber es ist doch klar erfaßt, daß alle Textkritik darauf beruht, die Geschichte des Textes von der Niederschrift durch den Verfasser bis auf die zufällig erhaltenen Bücher herab zu verfolgen; dann erst weiß man, inwieweit es möglich ist, das Echte zu erreichen.

Die Hauptmasse der Papyri sind Privaturkunden, Akten, Briefe. Das Griechisch der Halbgebildeten oder ganz Ungebildeten, das wir da kennen lernen, soll man im Werte nicht überschätzen; aber der Einblick, den wir in die Verwaltung, das Rechtsleben und das ganze wirtschaftliche Getriebe tun, ist unvergleichlich. Es war unvermeidlich, daß sich für diese Papyri ein Spezialistentum ausbildete; glücklicherweise hat es aber nicht an Gelehrten gefehlt, die, das Ganze überschauend und ordnend, das Wesentliche heraushoben. Ägyptens Eigenart zwingt in Verallgemeinerungen vorsichtig zu sein; allein es ist doch möglich gewesen, von hier aus eine so wichtige allgemeine Erscheinung wie den Kolonat, den Rückschritt von Freiheit zur Hörigkeit des Landvolkes, zu erklären und die Rückschlüsse auf das griechische Recht, noch mehr auf das römische, sind schon hochbedeutend und werden es noch mehr werden; das römische Recht hat in den Provinzen vieles aus den lokalen älteren Rechten angenommen, dafür aber auch die jüngeren Rechtsgebilde des Orients ähnlich wie die der Germanen auf dem Boden des alten Reiches beeinflußt. Durch die ägyptischen Urkunden ist auch die junge byzantinische Wissenschaft gezwungen worden, sich historische Fragen zu stellen, denen sie sonst noch meist auswich.

Drei bändereiche Textpublikationen hat die Akademie unternommen. Die Sammlung der Aristoteleskommentare ist vollendet; die der altchristlichen Schriften bis zum Nicaenum weit vorgeschritten, die der antiken Ärzte in Verbindung mit der Kopenhagener Akademie begonnen. Darin, daß endlich die Dokumente des alten Christentumes urkundlich gesammelt werden, wozu die auf breitester Basis unter Führung der Göttinger Gesellschaft unternommene Edition des griechischen alten Testamentes und die gleichartigen Arbeiten für das neue Testament gehören (zur Herausgabe der großen Kirchenschriftsteller des 4. Jahrhunderts sind erst Ansätze gemacht), spricht sich ein ungemein bedeutender Fortschritt aus: die widergeschichtliche Aussonderung einer sacred philology, wie die Engländer sagen, ist überwunden. Für die Sprache ist das zugestanden: das Truggebilde einer besonderen neutestamentlichen Gräzität ist allgemein aufgegeben; Versuche, die literarischen Erzeugnisse der Christen aus der allgemeinen Entwickelung der Stile und Formen zu lösen, werden zwar noch gemacht; aber sie können nur ephemeren Erfolg haben. Und auf die Dauer läßt sich auch das Christentum von der allgemeinen religiösen Bewegung derselben Zeit so wenig isolieren, wie sein dogmatisches Lehrsystem von der gleichzeitigen Philosophie oder die Predigt von der übrigen Rhetorik, oder die

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1180. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/51&oldid=- (Version vom 31.7.2018)