Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/529

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ist, steckt aber auch die leise Erkenntnis, daß es mit der schrankenlosen Demokratie doch nicht geht, sondern daß sie ergänzt werden muß durch differenzierte Persönlichkeiten, durch Männer, die um Haupteslänge über die anderen hervorragen, durch Individuen, die anders und mehr sind als die Masse und die Menge der Vielen und Vielzuvielen. Von dem frenetischen Beifall, der heute die Dirigenten der Konzerte umbraust, bis zu dem Jubel, der sich beim Anblick des greisen Grafen Zeppelin erhebt, oder bis zu der Trauer, mit der die Millionen sozialdemokratischer Arbeiter den Tod Bebels begleitet haben, überall zeigt sich dieser Zug, dieses Verlangen und Sehnen nach Führern und nach Führung, der man sich unterwerfen will, weil es mit der Herrschaft der Masse und des Demos allein nicht getan ist und auf keinem Gebiete dadurch Großes geschaffen und erreicht werden kann. Ohne ein Organisieren und Sichorganisierenlassen, ohne ein Ordnen und sich Unterordnen, ohne ein Autoritatives und Führendes geht es auch in der Demokratie nicht, nicht im Staat und nicht in der Fabrik, nicht in der Kunst und nicht im wirtschaftlichen Leben, vor allem wenn dieses zur Weltwirtschaft sich ausweiten soll.

Monarchie und Bureaukratie.

Deshalb ist für uns Deutsche die Monarchie die selbstverständliche, die Republik eine utopische Staatsform. Trotz der drei im Bundesrat vertretenen Republiken Hamburg, Bremen und Lübeck, die mehr nur große, sich selbstverwaltende Städte sind, ist uns eine „Republik“ Elsaß-Lothringen einfach undenkbar, und wir sind daher leicht ungerecht gegen die auch hierin, wie in so vielem anderen mehr französisch als deutsch denkenden Politiker des Reichslandes. Vielleicht hängt mit diesem monarchischen Zug auch das zusammen, daß Deutschland ein so prononcierter Beamtenstaat ist. Dazu hat zu Friedrich Wilhelm I. den preußischen Staat gemacht, und alle Einrichtungen, namentlich auch das ganze Bildungswesen Preußens sind daraufhin eingestellt und zugeschnitten. Der Name Bureaukratie zeigt uns inmitten aller Demokratie um uns her den führenden und verwaltenden Geheimen Rat; und daß diese Geheimräte im ganzen ihre Sache gut machen, darauf und auf dem Bewußtsein davon beruht nicht zum wenigsten das starke Gefüge unseres deutschen Staates und die Gesundheit unseres öffentlichen Lebens. Darin liegt aber zugleich auch die große Verantwortung des Beamten, der nicht nur von obenher gut verwalten, sondern auch in den Verwalteten und Regierten das Vertrauen auf den Staat und die Liebe zum Staat wecken und wahren soll und darum mit dem nötigen Verantwortungsgefühl erfüllt sein muß. Jede unmotivierte Unfreundlichkeit und jede Ungerechtigkeit eines Beamten ist eine Schädigung des Staatsgedankens und Staatsbewußtseins in den Bürgern, kühlt die Wärme ihrer staatlichen Gefühle ab und verwandelt sie in schweren Fällen in Abneigung, Feindschaft und Haß. Das Wort „Bureaukrat“ und „Bureaukratie“ ist heute fast gar zum Schimpfwort geworden als Bezeichnung für eine gewisse „Uninteressiertheit“ und Unpersönlichkeit in der Behandlung der öffentlichen Geschäfte, für eine zeittötende, bequeme „Umständlichkeit“ in ihrer Erledigung und für das Wichtignehmen von und das Wichtigtun mit Kleinigkeiten. Aber vor allem steckt darin doch der Vorwurf, daß unsere Bureaukraten

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1658. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/529&oldid=- (Version vom 31.7.2018)