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V.

Und die Kunst? Von allen Seiten kommen uns Klagen über den Verfall der Kunst. Und in der Tat stehen wir auch weit hinter den großen Meistern der Renaissance zurück. Die Technik der Kunst hat in der jüngsten Zeit große Fortschritte gemacht; Tausende von Menschen, begabt mit einem gewissen Talent, kultivieren alle ihre Zweige, aber die Kunst selbst scheint die zivilisierte Menschheit zu fliehen. Die Technik schreitet fort, doch die Inspiration meidet mehr wie jemals die Ateliers der Künstler.

Woher sollte sie auch kommen? Eine große Idee allein ist im Stande, die Kunst zu inspirieren. Kunst ist in unserem Ideal gleichbedeutend mit Schöpfung, man muß seine Blicke vorwärts richten können; aber abgesehen von einigen seltenen, sehr seltenen Ausnahmen, bleibt der Künstler von Profession zu unwissend, zu sehr Bourgeois, um neue Horizonte entdecken zu können.

Und diese Inspiration kann auch nicht aus Büchern geschöpft werden: sie muß aus dem Leben geschöpft werden, und die gegenwärtige Gesellschaft weiß dieses Leben nicht zu bieten.

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Die Raphaels und Murillos malten in einer Epoche, wo das Suchen nach einem neuen Ideal sich noch mit den alten religiösen Traditionen verquickte. Sie malten, um die großen Kirchen zu schmücken, die selbst wieder das fromme Werk mehrerer Generationen repräsentierten. Die Basilika mit ihrem feierlichen Aussehen, ihrer Erhabenheit, durch welche sie an das Leben der mittelalterlichen Stadt erinnerte, konnte wohl den Maler inspirieren. Er arbeitete für ein Volksmonument; er wandte sich direkt an die Menge und empfing von dieser die Inspiration zurück. Er sprach zu ihr in dem gleichen Sinne, wie zu ihr das Schiff, die gotischen Pfeiler, die gemalten Fenster, die Statuen, die ornamentreichen Portale sprechen. Die größte Ehre, welche der heutige Maler erstrebt, ist, sein Gemälde in einem Goldrahmen eingerahmt und in einem Museum – einer Art Rumpelkammer – aufgehangen zu sehen, wo man wie im „Prado“ die „Himmelfahrt“ von Murillo und den „Bettler“ von Velasquez neben den „Hunden von Phillipp II.“ sieht. Armer Murillo, armer Velasquez und ihr armen griechischen Statuen, die ihr auf der Akropolis Euer Stadt lebtet und heute unter den roten Tapeten des Louvre ersticken müßt!

Wenn ein geschickter Bildhauer seinen Marmor meißelte, so suchte er ihm den Geist und das Temperament seiner Stadt einzuhauchen. Alle ihre Leidenschaften, alle ihre Ruhmestraditionen mußten in dem Werke wieder aufleben. Heute hat die Stadt aufgehört, ein Ganzes zu sein. Keine Ideen-Gemeinschaft besteht mehr. Die Stadt ist nur ein Haufen zufällig zusammengewürfelter Menschen, die sie nicht kennen, die keine gemeinschaftlichen Interessen haben, ausgenommen das Interesse, sich

Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 86. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/102&oldid=- (Version vom 21.5.2018)