Seite:Die Eroberung des Brotes.pdf/116

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können. Als man ihm die Pläne einer Eisenbahnlinie zwischen Petersburg und Moskau vorlegte, ergriff er ein Lineal und zog auf der Karte von Rußland eine gerade Linie zwischen den beiden Hauptstädten und sagte: „Da habt Ihr die Linie.“[WS 1] Und die Eisenbahn wurde auch in gerader Linie erbaut; man füllte tiefe Täler aus und baute schwindelnde Brücken, die man indes nach Verlauf einiger Jahre nicht mehr benutzen konnte; der Kilometer dieser Strecke kostete im Durchschnitt zwei bis drei Millionen Franken.

Das wäre das eine Mittel; doch man hat ein anderes gewählt. Die Eisenbahnen sind streckenweise entstanden, die einzelnen Strecken haben sich alsdann vereinigt; und schließlich haben sich diese Hunderte von Gesellschaften, denen diese Strecken gehören, zu verständigen gesucht, um die Ankunfts- und Abfahrtszeiten ihrer Züge in Einklang zu bringen, um die Waren in den Waggons eines jeden Landes, einer jeden Gesellschaft von einem Netz auf das andere übergehen zu lassen, ohne daß sie umgeladen würden.

Dieses Alles ist durch die freie Vereinbarung zustande gebracht worden, durch den Austausch von Briefen und Vorschlägen, durch Kongresse, zu denen die Delegierten kamen, um diese und jene Spezialfragen zu diskutieren – doch nicht um ein Gesetz zu beschließen. Nach dem Kongreß kehrten sie zu ihren Gesellschaften zurück nicht mit einem Gesetz, sondern mit einem Vertragsentwurf, den man annehmen oder verwerfen konnte.

Gewiß hat es viele Schwierigkeiten gekostet. Gewiß hat es „Quängelpeter“ gegeben, die sich nicht überzeugen lassen wollten. Indes der gemeinsame Nutzen hat doch schließlich Jeden zum Einverständnis genötigt, und zwar ohne daß der Staat Armeen gegen die Widerspenstigen zu schicken brauchte.

Dieses ungeheuere Netz von untereinander verbundenen Eisenbahnen und dieses grandiose Gewerbsleben, das sie möglich machen‚ bilden sicherlich die Haupterrungenschaften unseres Jahrhunderts; und sie werden der freien Vereinbarung gedankt. Wenn Jemand dieses vor 50 Jahren vorhergesehen hätte und – es ausgesprochen hätte, so hätten unsere Großväter ihm für einen Narren oder einen Dummkopf gehalten. Sie hätten ausgerufen: „Niemals werdet Ihr dazu gelangen, unter diesen Hunderten von Aktiengesellschaften ein Einverständnis zu erzielen! Das ist eine Utopie, ein Feenmärchen, was Ihr dort erzählt. Nur eine Zentralregierung mit einer starken Faust kann ihnen dieses allein aufnötigen.“

Das Bemerkenswerte an dieser Organisation ist aber nun gerade, daß es für sie keine europäische Zentralregierung gibt. Nichts dergleichen existiert. Kein Eisenbahnminister, kein Diktator, kein Kontinental-Parlament, kein leitendes Komitee: Alles geschieht auf dem Wege des Vertrages.

Jetzt fragen wir den Staatssozialisten, der da behauptet, daß „man niemals einer Zentralregierung entbehren kann, und sei es nur um das Erwerbsleben zu regeln“, jetzt fragen wir denselben: „Wie können die Eisenbahnen ihrer entbehren? Wie machen sie es möglich, Millionen von Reisenden und ganze Berge von Waren über den ganzen Kontinent hin zu

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: kein Zitatende
Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 100. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/116&oldid=- (Version vom 21.5.2018)