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ZWECK UND LEISTUNGSFÄHIGKEIT DER PRODUKTION.

I.

Will eine Gesellschaft (Stadt oder ländlicher Distrikt) allen seinen Mitgliedern das zum Leben Notwendige sichern (und wir werden sehen, wie die Auffassung vom Notwendigen sich bis zum Luxus erweitern kann), so wird sie dazu gelangen, sich alles dessen zu bemächtigen, was für die Produktion unerläßlich ist, das heißt, des Grund und Bodens, der Maschinen, der Fabriken, der Verkehrsmittel usw. Sie wird die gegenwärtigen Besitzer des Kapitals exproprieren müssen, um letzteres der Allgemeinheit zurückzuerstatten.

In der Tat, was man der bürgerlichen Produktion vorwirft, besteht nicht allein darin, daß der Kapitalist sich einen großen Teil des Einkommens aus einem jeden industriellen oder Handels-Unternehmen aneignet und auf diese Weise lebt ohne zu arbeiten; das Hauptübel – wir haben es schon mehrmals bemerkt – liegt darin, daß die gesamte Produktion eine absolut falsche Richtung angenommen hat; sie wird eben nicht von dem Gesichtspunkte aus gehandhabt, um Allen den Wohlstand zu sichern; hier liegt ihr Verdammungsurteil.

Ja, es ist sogar eine direkte Unmöglichkeit, daß eine kaufmännische Produktion, wie die heutige, zum Nutzen Aller ausschlagen kann. Es zu wollen, hieße vom Kapitalisten verlangen, daß er seinen Vorrechten entsage und eine Funktion ausfülle, die er nicht ausfüllen kann, ohne das zu bleiben, was er heute ist, – nämlich Privatunternehmer, ein Mann, der seinem Vorteil nachgeht. Die kapitalistische Organisation, die auf dem persönlichen Interesse eines jeden einzelnen Unternehmers basiert ist, hat der Gesellschaft das geleistet, was man von ihr erhoffen konnte: sie hat die Produktivkraft des Arbeiters ungeheuer gesteigert. Aus der Revolution, die sich in der Industrie durch die Anwendung der Dampfkraft vollzog, aus Fortschritten der Chemie und der Mechanik Nutzen ziehend, hat es sich der Kapitalist angelegen sein lassen, in seinem eigenen Interesse den Ertrag der menschlichen Arbeit zu steigern, und es ist ihm dies in hohem Grade geglückt. Ihm indes eine andere Mission beizulegen‚ wäre total unvernünftig. Zu wollen z. B., daß er den überschießenden Ertrag der Arbeit im Interesse der gesamten Gesellschaft verwalten solle, hieße, von ihm Menschlichkeit, Mitgefühl verlangen,

Empfohlene Zitierweise:
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, Bernhard Kampffmeyer (Übersetzer): Die Eroberung des Brotes. Der Syndikalist, Berlin 1919, Seite 70. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Eroberung_des_Brotes.pdf/86&oldid=- (Version vom 21.5.2018)