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Liste.png Verschiedene: Die Gartenlaube (1870)


„Ob ich will?“ entgegnete Falkner, dessen Blick mit jedem Pulsschlage wärmer wurde. „Ich will es Ihnen beweisen! Aber wie wird es mit Ihnen sein? Würde es Ihnen jetzt, da Sie mich kennen, nicht doch lieber sein, wenn ich ein Maler wäre? Werde ich Ihnen auch jetzt noch willkommen sein?“

Fragend streckte er ihr seine Hand entgegen, fragend haftete sein Auge auf ihrem erröthenden Angesicht; sie schlug die ihrigen nicht auf, aber sie wehrte ihm nicht, als er ihre Hand ergriff und einen raschen Kuß darauf drückte. …

„Ich muß fort – in die Küche …“ stammelte sie sich losreißend, und flog dem Hause zu – von drüben aber aus dem Bergthale ertönte auf den Fittichen der leise heranschwebenden Dämmerung der verhallende Ruf des Posthorns:

Ich will dich etwas fragen,
     Herzliebstes Schätzel mein –
Die Bäume thun ausschlagen,
Ich will dich etwas fragen:
     Wann soll die Hochzeit sein?




2. F. F.

Wenige Wochen später ging es in dem einsamen Bergwirthshause wohl auch laut und lebhaft her, aber das Laute war nicht so angenehm und die Lebhaftigkeit nicht so erfreulich, als an dem Abende, da der unerwartete Gast im Hause eingezogen.

Es war viel anders geworden seitdem.

Die kühle klare Morgenluft ließ durch ihre in solcher Höhe doppelt fühlbare Frische spüren, daß mit dem September der Herbst eingezogen war, und wer noch gezweifelt hätte, den mochte der eisig schimmernde Reif überzeugen, der an der offenen Nordseite des Hauses auf dem Rasen niedergeschlagen war. Vor dem Hause stand ein leichtes offenes Wägelchen, in der geöffneten Stallthür gegenüber aber lehnte wartend ein Knecht und horchte nach dem Hause hin, aus welchem die laute befehlende Stimme des Bergwirths ertönte. Am Brunnen, der in einen langen Holztrog niederrauschte, stand eine Dirne und war emsig beschäftigt, die kupfernen Reifen an einem Milchkübel blank zu scheuern, während der Ochsenknecht seinen Thieren das Joch auflegte, um mit dem Pfluge in das Kleefeld zu fahren, das umgeackert werden sollte. Demungeachtet fanden die Magd und der Ochsenknecht Zeit, wie Jener auf das zu hören, was im Hause vorging, und darüber ihre Bemerkungen zu tauschen.

„Sacra,“ sagte die Dirne, „heut’ muß er schon mit dem linken Fuß aufgestanden sein, es ist jetzt schon bald eine halbe Stund’, daß er so herum rebellt im Haus. … Heut’ thu’ ich auch schon wieder lieber meine Kübel waschen, als mit der Juli tauschen! Was er nur haben mag, der alte Zornnickel? Und was bedeut’t denn das Schweizerwägerl? Wer will denn verreisen? …“

„Wer sonst als der Bergwirth selber,“ entgegnete der Knecht. „Heut’ ist ja die große Versammlung drunten im Posthaus in Steindorf – da kommen die Bauern aus der ganzen Gegend zusammen, da soll’s ausgemacht werden von wegen der Eisenbahn ...“

„Ja, ja, da geht mir freilich ein Licht auf, wie eine Stalllatern’!“ sagte der Ochsenknecht lachend, indem er seine zögernden Thiere antrieb, sich in Bewegung zu setzen. „Es ist völlig zum Lachen, wie der Mensch so verbeint sein kann, aber von der Eisenbahn will er halt durchaus nichts wissen! Wenn er nur das Wort sagen hört, ist er wie ein Indian, dem man ein rothes Tüchel vorhalt’. … Vor ein paar Tagen bin ich so unter der Lichten vor’m Haus’ gesessen und hab’ nur gehört, wie ein reisender Handwerksbursch von Amerika erzählt hat, daß man dort gar nimmer anders fahrt, als mit Dampf, und daß sich ein Jeder, der’s ein bissel vermag, seine eigene kleine Eisenbahn baut, bis an seine Hausthür hin – der Kerl hat gelogen, daß man’s hat mit Händen greifen können, aber das hat den Bergwirth nichts gekümmert; wie er mich hat stehen sehen, ist er wie ein Drach’ auf mich losgeschossen und hat mich angeschrieen, ob ich nichts Besseres zu thun hätt’, als Maulaffen feil haben … er hätt’ mir schon ein paar Mal angemerkt, daß ich auch Einer von denen sei, die überall dabei sein müßten, wo was Neues den Kopf in die Höh’ reckt … solche Leut’ könnt’ er nit brauchen, und wenn ich so fort machen wollt’, könnt’ ich auf Michaeli meinen Bündel schnüren. … Es ist aber ein guter Platz in dem Bergwirthshaus – also ist es mir ganz recht, daß ich auf’s Feld hinaus muß, denn wer ihm heut’ in die Hand hinein lauft, kann leicht was lösen.“ …

Er eilte den Ochsen, die sich schon langsam auf den Weg gemacht hatten, nach, die Dirne verschwand im Stall, der Knecht aber führte ein Paar schon angeschirrte Pferde heraus, denn die Stimme des Wirths, die eine Weile verstummt gewesen, ließ sich wieder hören und er selber, von Juli begleitet, erschien unter der Thür, zur Abfahrt bereit. „Hab’ mir’s ja gedacht, daß ich wieder warten muß!“ rief er dem Knechte zu. „Könnte schon lang’ eingespannt sein, wenn Du thätest, was ich sag’ … aber in dem Haus thut Alles, was es will, und ich bin der Gar-Niemand …“

„Der Hies ist ja schon fertig mit dem Anspannen, Vater,“ sagte das Mädchen ruhig. „Ihr dürft nur einsitzen – der Morgen ist frisch, er wird gemeint haben, die Ross’ sollen nit so lang’ da stehen in der Kühle …“

„Ja, das hab’ ich mir denken können, daß Du eine Entschuldigung für ihn hast!“ rief der Wirth, in der Thür sich nochmals umwendend. „Du bist die vierzehnte Nothhelferin! Ich kann das nit vertragen, sag’ ich Dir – was ich will, das soll man thun, und das merk’ Dir auch für Dich und halt’ mir gut Haus, bis ich wieder komm’!“

„Das will ich, Vater,“ entgegnete Juli, indem sie ihn freundlich ansah und ihm die Hand zum Abschied hinhielt, „aber ein bissel müßt Ihr mir auch meinen Willen thun. … Versprecht mir, um was ich Euch gebeten hab’, versprecht mir, daß Ihr nicht zornig werden wollt in der Versammlung. Ihr werdet da allerhand hören müssen, was Ihr nit gern hört, und ich hab’ Sorg’ …“

„Ich könnt’ auch den Anderen allerhand sagen, was sie nit gern hören – meinst? Du hast so Unrecht nit, aber ich will nit zornig werden, ich versprech’ Dir’s … ich kann’s auch leicht versprechen, weil ich doch weiß, was bei der ganzen Versammlung herauskommt! Das ist so gewiß, als zwei mal zwei vier … die Projectenmacher mögen sagen, was sie wollen, sie müssen doch abziehen und ich laß’ mir’s dann nit wehren, daß ich sie auslach’, so recht von Herzensgrund … das hab’ ich schon lang’ ausgemacht mit den Bauern in der ganzen Gemeind’ – keiner will was hören von der Eisenbahn und keiner giebt ein Stück Grund und Boden her, und wenn’s auch nit größer wär’, als man mit einer Hand zudecken kann …“

„Wenn sie nur auch dabei bleiben, Vater,“ fuhr Juli fort, „es heißt ja, die den Bau führen, sollen für den Grund weit mehr geben, als er werth ist … ich hab’ sagen hören, es wär’ gar ein großer Vortheil für die ganze Gegend, weil man das Vieh viel leichter hinausbringen und verkaufen könnt’ und das Holz und …“

„So? Hast Du das sagen hören?“ rief der Bergwirth im zürnenden Spott. „Und hältst Du mich für so dumm, daß ich nicht errathen sollt’, von wem Du das gehört hast? Ich will Dir dafür was Anderes sagen … wenn der Bau wirklich ausgeführt wird, dann geben auf dem Westerberg heroben die Füchs’ und Hasen einander Gutenacht, dann kann ich mein Wirthshaus zusperren und die Bettelumkehr ist fertig … Das ist der Vortheil, der dabei heraus schaut! Holz und Vieh hinausbringen –! es ist bis jetzt auch hinaus gekommen, was man gebraucht hat, und Jedes hat bestehen können dabei. … Das merk’ Dir, Juli, und gieb’s zur Antwort, wenn Du wieder so was sagen hörst. … Ich weiß ja doch, daß es niemand Anderer ist, als der verflixte Feldmesser, von dem ich auch wollt’, er wär’ geblieben wo der Pfeffer wächst, statt daß er in mein Haus gekommen ist! Aber da ist nichts daran schuld als meine dumme Lieb’ zu Dir, und daß ich viel zu gut bin … ich hätt’ den saubern Mosje gleich gar nit herein lassen sollen …“

„Vater, redet nit so – Ihr wißt doch, was ich ihm zu verdanken hab’ …“

„Ach was,“ rief der Wirth und suchte ärgerlich seine von Juli gefaßte Hand zu befreien, „die dumme Hundsgeschicht’ kann ich mir doch nit ewig aufmutzen lassen – überall muß ein End’ hergehen und ich hoff’, es ist schon eins hergegangen für alle Zeit! Der Herr Feldmesser ist fort, er hat’s wohl merken können, daß ich seinen Rücken lieber gesehn hab’ als sein Gesicht – und so wird er wohl auf’s Wiederkommen vergessen. … Wenn er’s aber doch thät’, dann steh’ ich nit gut, ob ich’s nit probiret’ und ließ den Tiras von der Ketten …“

„Vater,“ rief Juli entsetzt, „wie könnt Ihr so was nur denken …“

Der Knecht aber riß ungeduldig an den Zügeln der stampfenden

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1870). Leipzig: Ernst Keil, 1870, Seite 370. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1870)_370.jpg&oldid=3481571 (Version vom 27.1.2019)