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Liste.png Verschiedene: Die Gartenlaube (1870)

ruhig und heiter wie zuvor. Der schlichte ungefüge Ausdruck einer dankbaren ihrer selbst kaum bewußten Künstlerseele hatte ihn im innersten Herzen erquickt. „Du sollst noch mehr werden als ein bloßer ‚Kunstmaler‘, Du wackerer Bursche,“ sagte er und strich lächelnd das Haar aus der Stirn, als wolle er damit auch die Seele von den überwuchernden schmerzlichen Gedanken befreien. „Geh nun, meine gute Mutter, ich will machen, daß ich zum König komme!“

Rascher als sonst kleidete er sich an und als er nachher bei Adelheid eintrat, um ihr Lebewohl zu sagen, die Mappe mit der zu überreichenden Schrift unter dem Arm, elegant gekleidet in dem officiellen schwarzen Anzug, mit der echten Vornehmheit seiner Erscheinung, da glitt Adelheid’s Auge mit Wohlwollen über die schlanke elastische Gestalt und das edle von einem blonden Christusbart umsäumte Gesicht hin und sie sagte unwillkürlich: „Wer hätte gedacht, daß Du so schön würdest!“

Alfred lachte. „Ich muß ein schrecklicher Junge gewesen sein, da ich so oft jenes ‚Wer hätte gedacht‘ höre. – Und einen solchen armseligen Burschen sollte Anna lieben!“ dachte er bei sich.

Der Diener meldete, daß angespannt sei, und Alfred holte das Portrait Anna’s und eilte damit hinab, denn die Pferde, zwei feurige Trakehner, die er von seinen Gütern mitgebracht, wollten nicht stehen.

Er schaute noch einmal aus dem Wagen herauf, er wußte, daß ihm seine Mutter so lange nachsah, als nur möglich, und es lag etwas von der alten Anmuth in ihrem Winken und Grüßen, das ihn wehmüthig an die Tage ihres Glanzes erinnerte.

Im Schlosse angekommen, fand er den König gerade in besonders guter Laune und nachdem er seinen Vortrag über die Zustände Masurens gehalten, benutzte er die günstige Stimmung des Monarchen, um ihm das Bild Anna’s zu zeigen. Der König war so erstaunt über das unverkennbare Talent, das aus der – wenn auch rohen – Skizze hervorleuchtete, daß er augenblicklich die Bitte Alfred’s gewährte und versprach für die Zukunft des jungen Künstlers zu sorgen.

In diesem Augenblick trat ein Adjutant ein mit der Meldung, Frau von Salten sei schwer erkrankt und verlange dringend nach ihrem Sohn.

Schreckensbleich bat Alfred den König ihn zu beurlauben.

Als Alfred nach Hause kam, fand er, was er schon lange erwarten mußte. Seine Mutter war dem Ende nahe. Er war darauf gefaßt seit einem Jahr und dennoch traf es ihn in diesem Augenblick ganz unvorbereitet, denn sie war gerade heute besonders wohl gewesen, welch’ stillglückliche Stunde hatten sie noch zusammen verlebt! Und jetzt trat der Tod sie an so ohne vorhergegangene Verschlimmerung, das war zu jäh, da mußte irgend etwas geschehen sein. Er stürzte vor dem Bette auf die Kniee und flehte Adelheid unter Thränen an, ihm zu sagen, was sie plötzlich niedergeworfen Sie schwieg beharrlich und suchte noch im Todeskampf zu lächeln. „Meine Zeit ist um, ich gehe zu Deinem Vater!“ stammelte sie mühsam und klammerte sich mit unaussprechlicher Liebe an den Sohn an.

Da wankte Lilly herein, schreiend und jammernd und warf sich neben Alfred zu Boden; „O Fredy, schlag’ mich todt, ich bin an allem schuld! Ich habe ihr verrathen, daß Feldheim todt ist, und da wurde sie ohnmächtig und dann bekam sie den Blutsturz und die Erstickungsnoth.“

„Tante!“ rief Alfred und zum ersten Mal in seinem Leben traf ein richtender Blick die arme Lilly, „habe ich das um Dich verdient?“

„Schlag’ mich todt, Fredy, schlag’ mich todt – ich bin nichts Besseres werth!“ wimmerte Lilly. „Ich bin ein dummes, unnützes, altes Ding. Ich habe mein Lebtag nichts als Dummheiten gemacht und es wird immer ärger mit mir!“

„Tante,“ sagte Alfred in Zorn und Schmerz. „Du bist und bleibst ein Kind, – aber Kinder sollten wenigstens zu gehorchen wissen. Ich hatte es Dir so streng verboten!“

„Zürne ihr nicht,“ stöhnte Adelheid, die zuckende Hand auf Alfred’s Arm legend. „Ich ahnte längst, daß etwas mit Feldheim war, was man mir verheimlichte, und habe es ihr abgelockt – vergieb ihr!“ Und sie zog Lilly’s Hand auf ihr Bett und legte sie mit einem unbeschreiblichen Blick in die Alfred’s. „Sie ist die Schwester Deines Vaters! Sie hat, ohne es zu wissen, den Bruder gerächt, da sie mir den Todesstoß gab! O ewige Gerechtigkeit, du waltest ja so milde über mir!“

„Ich vergebe ihr,“ sagte Alfred liebevoll, „sie wußte nicht, was sie that. Aber nun sei ruhig, Tante, oder verlaß uns, Dein Weinen beunruhigt die Mutter.“

Da faltete das arme alte Kind bittend die Hände, sie wollte nicht von Adelheid weg, sie wollte stille sein, mäuschenstille, aber nur dableiben!

Und sie kauerte sich leise, ganz leise schluchzend am Kopfende des Bettes nieder und küßte von Zeit zu Zeit einen Zipfel von Adelheid’s Kissen, während die Kranke in den Armen des Sohnes mit dem Ersticken rang. So blieb sie regungslos sitzen und kämpfte ihn mit, den langen Todeskampf die ganze Nacht. Nichts unterbrach die Stille als das Flüstern der sterbenden Mutter, die Abschied von dem Sohne nahm, und die gedämpfte Stimme Alfred’s, die ihr sanft tröstend zusprach, wenn der Kampf gar zu schwer ward. Als der Canarienvogel im Nebenzimmer jubelnd die ersten Strahlen der Morgensonne begrüßte, that Adelheid’s gequälte Brust den letzten Athemzug. Alfred schloß ihr sanft die Augen. Draußen schmetterte der Vogel – und hier flog eine Seele dem Lichte zu.




33. Im hohen Norden.

Hoch oben im Norden Deutschlands, wo der kalte Hauch der Ostsee den schrägen Sonnenstrahlen unüberwindliche Dunstwälle entgegenballt, hinter denen die Natur ihren langen düstern Wintertraum träumt - da liegt ein stilles ödes Land, in dessen meilenweiten Haiden und Forsten mit ihren einsamen Lehmhütten Noth und Pestilenz ihr unheimlich Wesen treiben. Seine Grenze bildet nach oben die Düne des Meeres, wo der weiße Flugsand seinen Scheitel bestäubt, wie die Asche das Haupt eines Büßenden, nach Osten und Süden der russische Grenzpfahl, der das Land einschließt wie in einen Sack. So trauert das arme Land in Sack und Asche und büßt für die Unterlassungssünden der Cultur. Während Kunst und Gewerbe, Handel und Wandel allerorten einen immerwährenden Carneval feiern – ist hier ewiger Aschermittwoch, träge Bußtagsruhe. Kein schriller Pfiff einer Locomotive

schreckt den Raben aus der eingeschneiten Furche auf, kein hochbepackter Güterwagen weckt mit seinem Knarren das Gebell eines Hundes auf dem einsamen Gehöft des „Eigenkäthners“. Schlaf- und branntweintrunken schleicht sich der Bauer an sein einförmiges Tagewerk auf dem einförmigen Boden, umsaust vom eisigen Nordost, der unaufgehalten über die unabsehbaren Ebenen hinstreicht. Hier hat die wilde Gährung im Innern der Erde nicht ihre gigantischen Blasen aufgeworfen, kein Gebirge erhebt sich, nur hin und wieder ein Hügel. In todter Ruhe ist der glühende Werdeproceß erstarrt und die erkaltete Rinde blieb ein feuchtes Diluvialgebiet, durchströmt von unzähligen Gewässern. Wohl ist es freundlich anzusehen, wenn die Saaten gedeihen und der Blick, so weit er reicht, nur über wallende Kornfelder und üppige Wiesen, dunkle Waldungen und fischreiche Seen hingleitet, wohl gedeiht Alles leicht und schnell auf dem stets getränkten Grund, und nicht umsonst heißt er der „güldene Boden“ – aber ebenso schnell ist auch Alles zerstört, wenn die nordische Sonne zu lange nicht vermochte durch die Wolken zu dringen und den ungeheuern Ueberschuß an Nässe aufzusaugen. Dann gleicht das ganze Land einer fließenden schlecht verbundenen Wunde, in der sich nur Eiter und Fäulniß erzeugt. Dann wehe dem Menschen, der auf die Erträgnisse dieses überschwemmten Bodens angewiesen ist! – Wie der Säugling an der Mutterbrust, von nichts wissend als von dem Busen, der ihn nährt, und keine Thätigkeit ausübend, als die, auf welche ihn der Ernährungstrieb hinführt, so hängt hier das Volk auf der niedrigsten Stufe der Entwickelung an dem Busen der Mutter Natur, an der Erde. Es kennt nichts als die Erde, sie ist seine einzige Hülfsquelle, und versagt sie ihm, dann muß es hungern. Und wie oft geschieht das! Ein starker Regen, der von dem grauen thränenschweren Himmel tagelang niederströmt, verschwemmt die keimende Saat in der lehmigen Scholle und weicht die schwere Moorerde zum Sumpfe auf, daß das Gras verfault. Die naßkalten Nebel, die vom nahen Meere herüberziehen, erzeugen die stillen Feinde des Landmanns, den Rostpilz, der das Getreide zernagt, und die Kartoffelkrankheit. Dann entspinnt sich ein Kampf um’s Dasein, von dem der glückliche Sohn der Civilisation nur noch wie von einer verklungenen Sage hört. Wir blicken so gern zurück in die graue Vorzeit, wo der Mensch noch mühsam mit dem Urstoff um sein Bestehen rang, wir versuchen

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Verschiedene: Die Gartenlaube (1870). Leipzig: Ernst Keil, 1870, Seite 830. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1870)_830.jpg&oldid=3478653 (Version vom 18.1.2019)