Seite:Die Gartenlaube (1856) 470.jpg

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Liste.png verschiedene: Die Gartenlaube (1856)

seinen Hund am Rande des unglücklichen Felsens! Das Thier starrte einen Augenblick auf den Kampfplatz, und rannte dann hinunter durch den Engpaß. Das Geheimniß war entdeckt.

Die Baiern gaben es auf, einen einzelnen Feind zu verfolgen und liefen, um sich des Schlüssels des Engpasses zu versichern. Hans kam ihnen jedoch zuvor. Er kämpfte, als sei die Kraft seines Vaterlandes in seinem einzigen Arm. Durch die Ueberzahl zurückgedrängt – schwach, blutend, verstümmelt – vertheidigte er jeden Schritt, jeden Zoll des engen Durchganges.

Seine heldenmüthige Aufopferung war nicht vergebens. Gerade als ihn Kraft und Leben verließen, kamen seine Landsleute herbei, die soeben eine Abtheilung des Feindes geschlagen hatten, um auch die Angreifer des Engpasses zu vernichten.

Sein Ehrendenkmal ist neben dem der andern tyroler Helden im Herzen seiner Landsleute errichtet, wenn auch seinen Ruheort nur ein bescheidener Erdhügel bezeichnet.

Lenore überlebte ihren Geliebten lange Jahre, ein Gegenstand der höchsten Achtung für ihre Umgebung; und wenn sie, das Gesicht in einen dichten, schwarzen Schleier gehüllt, ein Körbchen mit Blumen am Arm, ihren täglichen Gang zum Grabe ihres Geliebten machte, dann entblößten sich ehrfurchtsvoll die Häupter von Jung und Alt, die ihr begegneten.

Den Hund hat sie treu gepflegt bis an sein Ende.




In einem liefländischen Edelhofe.
(Mit Abbildung.)

…Ich hatte bereits mehrere genußreiche Tage in einer mir innig befreundeten, liebenswürdigen deutschen Familie in L. in Liefland verlebt, als wir eines Morgens heiter an dem Frühstücktische beisammen saßen. Die beiden blondlockigen, blühenden Kinder meines Freundes spielten vor uns mit einem zottigen großen Hunde, Hinko genannt, der sich, vielleicht in Folge treuer Dienstleistungen, manche Freiheit herausnehmen durfte und allein in dem Familienzimmer geduldet wurde. Plötzlich hörten wir einen gellenden Schrei draußen nach dem Backhause zu; Hinko vergaß sofort das Spielen, sprang auf und durch das offene Fenster des Parterrezimmers hinaus. Wir selbst traten erschreckt an das Fenster. Ueber den Hof liefen mehrere Arbeitsleute, und aus dem Backhause sprang ein – Wolf, der in den nicht fernen Wald zu entkommen suchte. Hinko aber hatte ihn bald eingeholt und griff ihn ohne Zögern an. Der Wolf drehete sich um und der Kampf begann, ein schreckliches Schauspiel. Die beiden starken wüthenden Thiere hatten sich bald fest in einander verbissen, und es ließ sich nicht errathen, nach welcher Seite sich der Sieg neigen würde, als einer der Leute, ein Mann schon über die Mitte der Jahre hinaus, hinzu kam, und mit einem Beile dem Wolfe mächtige Hiebe versetzte, so daß er bald leblos zu seinen Füßen lag.

Wir Alle gingen hin. Hinko war übel zugerichtet. Der alte Mann, der den Wolf erschlagen hatte, streichelte den treuen Hund liebkosend, und nahm den Blutenden mit sich, um ihm die Wunden mit einem Balsam zu waschen. Aus dem Backhause kam ein junger Bursch, der erzählte, er habe sich über die Kohlen gebückt gehabt, um seine Pfeife anzuzünden, als er den Wolf dicht neben sich gesehen. Da es dunkel gewesen, habe er ihn für Hinko gehalten, und die Hand nach ihm ausgestreckt, der Wolf aber sich emporgerichtet, um ihn zu packen und da sei er so erschrocken, daß er so laut als möglich um Hülfe geschrieen, der Wolf aber davon gelaufen.

Der Vorgang war die natürliche Ursache, daß fast den ganzen Tag über von ihm und von andern ähnlichen gesprochen wurde. Ich äußerte zunächst meine Verwunderung darüber, daß der Wolf vor allem das Backhaus aufgesucht habe und man erzählte mir, der Wolf scheine wie der Bär das Brot sehr zu lieben, denn nichts locke so sicher ihn an, als der Geruch von frischem Brote. „Eine Bauerfrau, die eben frische Brote aus dem Backofen genommen, mußte das Haus auf einige Minuten verlassen. Ihre beiden kleinen Kinder standen an der Bank, auf welcher die noch heißen Brote lagen. Kaum hatte sie den Rücken gewandt, so sprang ein Wolf in die Stube herein. Die schreienden Kinder ließ er unbeachtet, aber ein Brot nahm er von der Bank. Die Mutter, die ihre Kinder ängstlich schreien hörte, eilte zurück, und in der Thür jagte der Wolf, mit dem heißen Brot in der Schnauze, an ihr vorüber. Die alte Frau, setzt die Erzählerin hinzu, hat mir die Geschichte oft erzählt, und sie bemerkte am Schlusse jedesmal: so kam ich um das allergrößte Brot, aber wie gern ließ ich es dem Wolfe, da er meinen Kindern nichts zu leid gethan!“ – Hier bei uns selbst ist schon früher einmal ein ähnlicher Fall vorgekommen. Eine Magd trug gegen Abend zwei noch warme Brote aus dem Backhause über den Hof, wo ihr ein großes Thier entgegen kam. Auch sie hielt es für Hinko. Aber das Thier sprang an ihr auf, und sie fühlte die scharfen Klauen auf ihren nackten Armen. In ihrer Verzweiflung schob sie ihm eines der Brote in den aufgesperrten Rachen und der Wolf lief, wie es schien, vergnügt damit davon.

Abends kamen Gäste und nun wurden Wolfsgeschichten in Menge, theils komische, meist aber gräßliche, haarsträubende erzählt. Zwei davon ergriffen mich tief. Die eine war erst im Sommer des vorigen Jahres auf einem benachbarten Gute vorgekommen, und die bejahrte Frau des Besitzers desselben theilte sie uns selbst mit. „Die junge Frau eines nach den dortigen Verhältnissen ziemlich wohlhabenden Bauers wusch eines Tages vor der Thür ihres Hauses und ihr vierjähriges Töchterchen spielte neben ihr. Das Haus steht allein auf einer Art Insel in sumpfigem Boden. Die Frau arbeitete emsig, und hatte sich tief über die Waschwanne gebeugt, als ein lauter Schrei des Entsetzens sie nöthigte, sich umzusehen. Eine große Wölfin hatte das Kind, das den einen Arm nach der Mutter ausstreckte, an der Schulter gepackt. Man denke sich, was die arme Mutter bei diesem Anblicke und dem Angst- und Schmerzesgeschrei ihres Kindes empfand. Sie stand indeß so nahe, daß sie mit dem ersten Griffe nach dem Kinde dessen Kleidchen erfaßte und mit der andern mit aller Kraft den Wolf auf die Schnauze schlug, während sie halb wahnsinnig um Hülfe schrie. Ihr Schreien aber rief Niemanden herbei und erschreckte auch den Wolf nicht, der eben so wenig die Faustschläge der Frau beachtete, die er vielleicht kaum fühlte. Er blieb natürlich auch nicht stehen, sondern lief mit seiner Beute rasch davon und zog die Mutter mit sich fort, die krampfhaft festhielt. So ging es zwei, drei schreckliche Minuten lang, und die Frau konnte nichts thun, als ihr Kind wenigstens nicht loslassen. Der Wolf nahm seinen Weg nach einer bewaldeten, sehr unebenen Stelle hin, und hier fiel die Frau in dem raschen Laufe über einen Baumstumpf. Dabei zerriß sie das Kleidchen ihres Kindes und es blieb ihr nur das Stück davon, das sie so fest gehalten hatte, in der Hand. Das Kind war, verhältnißmäßig, selbst im Rachen des Wolfes ruhig gewesen, so lange es sich von der Mutter festgehalten wußte, jetzt aber erfüllte sein Jammergeschrei den Wald weit und breit. Die Mutter raffte sich schnell wieder auf, lief dem Räuber, der ihr Kind fortschleppte, über Stock und Stein, durch Dornen und Gestrüpp nach und fühlte nicht, wie sie sich blutig ritzte. Der Wolf beschleunigte indeß seinen Lauf, das Gebüsch wurde dichter, der Boden unwegsamer; bald verschwand das Thier der Mutter aus den Augen und das Geschrei ihres Kindes allein bestimmte noch die Richtung, der sie zu folgen hatte. Und unermüdet eilte sie dieser Stimme nach, während sie hier einen Schuh aufhob, den ihr Kind verloren hatte, dort einen Fetzen seines Kleides mit nahm, den ein Dornbusch abgerissen hatte. Sie strengte sich zum schnellsten Laufe an, und was eine Mutter in der Verzweiflung vermag, ist unberechenbar, aber sie vermochte den Räuber nicht einzuholen, und die Stimme des Kindes wurde schwächer und schwächer, bis gar nichts mehr von ihr zu hören war.

„Die arme Mutter sah allerdings endlich wiederum etwas von ihrem Kinde, aber ich vermag es nicht zu nennen,“ setzte die Erzählerin hinzu, der die Thränen in die Augen traten und die kaum noch zu sprechen vermochte. Wir, die wir zuhörten, wollten

Empfohlene Zitierweise:
verschiedene: Die Gartenlaube (1856). Ernst Keil, Leipzig 1856, Seite 470. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1856)_470.jpg&oldid=3424625 (Version vom 29.8.2018)