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Nro. 22.
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Die Königin.
Eine jütländische Volkssage.
I.

                    „– – Reich’ ihr die Hand, mein Kind!
                    Die Mutter will dir sagen,
                    Was du erlebst in spätern Tagen.“
                              Altes Schauspiel.


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Auf dem Herrenhofe Lönborg, der zum Amte Ringkjöbing gehört, war vor vielen Jahren in einer Abendstunde des Monats December Alles in geschäftiger Bewegung. Baronesse Hjelm, die Gemahlin des Besitzers, war nämlich von einer Tochter entbunden worden. Diener und Mägde rannten die Stiege auf, die Stiege ab; während der Doktor, die Hebamme, die Freundinnen der Frau und sonstige bei einer solchen Gelegenheit unentbehrliche Personen im Saale versammelt und in eifriger Unterhaltung miteinander begriffen waren.

Abgesondert von diesen, in einer Kammer neben dem Krankenzimmer, saß ein altes Weib. Graue, buschige Haare hingen ihr über die runzelige Stirne herein, eine lange, gebogene Nase überragte den größten Theil ihres häßlichen Gesichtes, und wie sie so dasaß, mit ihrem zahnlosen Munde unverständliche Worte murmelnd, hätte sie mancher Furchtsame für die Mutter des Teufels gehalten, den sie zu einem geheimen Zwiegespräch herbestellt habe. Sie mochte wohl schon lange hier harren und des Wartens müde sein, denn sie erhob sich mehrmals und lauschte an der Thüre. Auf einmal heiterten sich ihre Züge auf; ein großer, schlanker Mann trat mit dem neugebornen Kinde auf den Armen zu ihr ein. Sein Antlitz trug das Gepräge der innerlichsten Freude, er war ja der Vater, der dem Weibe sein Kind brachte, um dessen künftiges Schicksal zu erfahren.

Mutter Lisb’, – so hieß man das Weib, welches das Orakel der ganzen Gegend war, – betrachtete geraume Zeit aufmerksam Hände und Augen der Kleinen, ohne sich um den Doktor zu kümmern, der hinter dem glücklichen Vater nachfolgte und mit einem spöttischen und ungläubigen Lächeln auf sie hinschaute. Endlich erhob die Wahrsagerin ihre Stimme und brach in folgende Worte aus:

„Ich sehe eine Krone um das Haupt dieses Mägdeleins; sie wird, wenn die Zeit kommt, die Königin eines großen Volkes werden; aber nun merke Er auf meine Worte, Vater Hjelm! Das, was ich Ihm jetzt sage, ist mehr als Wind.“ – Der Baron nickte zufrieden mit dem Kopfe. – „Das Erstemal, wo Er über einen Weg fährt,“ fuhr Lisb’ fort, „muß Er eine gute Handlung thun, dann wird Alles richtig eintreffen, was ich Ihm gesagt habe. Bringt nun das kleine Ding wieder zur Mutter, es zittert ja vor Kälte.“

So erzählt die Sage von der Geburt dieses Kindes. – Am anderen Tag verließ die Alte reichlich beschenkt das Schloß; ihre Weissagung aber verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der ganzen Gegend.

Empfohlene Zitierweise:
Kaspar Braun, Friedrich Schneider (Red.): Fliegende Blätter (Band 1). Braun & Schneider, München 1845, Seite 169. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Fliegende_Bl%C3%A4tter_1.djvu/173&oldid=- (Version vom 29.12.2019)