Seite:Hermann von Bezzel - Einsegnungs-Unterricht 1909.pdf/14

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

Er weiß warum und wozu, und ich will diesen Ruf bewahren – bin ich doch selbst. Denn die ganze Selbsterfassung, von der soviel geredet wird, und der ganze Wert des Lebens besteht darin, daß ich mich als einen Berufenen weiß, daß ich daran gedenke, ich sei von Gott gerufen. Aber ich weiß, was mich diesen Ruf hat vergessen und was diesen Ruf in mir hat ertönen lassen. Ich weiß, daß ein andrer Ruf an mich käme, der mich glauben machen würde, Gott habe bei meiner Berufung selbstsüchtige Gedanken gehabt, sich selber bereichern und schmücken wollen, ohne mich zu fragen. Es zieht ein Weh durch meine Seele, wenn ich Ihm danken soll, dem ich nicht danken wollte, und wenn Er sich mit mir schmückt, ohne mich zu fragen, ob ich Ihm zum Schmuck diene. Das hat der Feind in jeder Menschenseele erregt, daß ein Geheimnis wie unbefangen eintritt: sie soll danken und will es nicht; sie soll ehren und will es nicht; sie soll den Triumphwagen dessen schmücken, dem zu Ehren sie nicht triumphieren mag. Da hat der Feind der Seele eingeredet, es sei mit dem Ruf Gottes nicht an dem, daß Er an uns gedächte, sondern Er habe an sich gedacht; und nun erwacht das Mißtrauen gegen Gott, und auf einmal fürchten wir, wenn Er uns nicht aus Güte rief, sondern aus Selbstsucht, so könne die Selbstsucht, weil sie etwas Göttliches ist, keine Sünde sein. Dann hat der Feind bei uns gewonnen: er hat die allertreueste Gottesabsicht in unserem Leben, den Reichtum des Gotteswillens über unserm Leben uns verdächtigt. Er selber freilich kann uns nichts geben, aber nehmen kann er uns das Beste; er wird uns nie bereichern, aber nehmen kann er uns bis aufs Blut. Dieser Sündenfall wiederholt sich täglich im Leben und wir spüren in schweren und nächtigen Stunden, wo alles uns so unerträglich wird, das hat der Feind getan. Er hat uns gegen die Treue Gottes gereizt. Das sind nicht Märchen und Legenden in sinniges Gewand gekleidet, sondern das sind die Erlebnisse der Seele, das Mißtrauen gegen Gott: ich werde sein wie Gott; ich werde erkennen, was gut und böse ist: Gott meint es nicht recht. Wie sollen wir der Angst entfliehen, daß statt des Berufenden ein andrer unser Leben beherrscht, der es nicht rief? Und wie sollen wir aus der peinvollen Not entrinnen, daß der Herr, unser Gott, unser treuster Freund uns genommen wird und statt dessen ein Feind sich bereichert, der unser Leben dürr aussaugt und es dann wegwirft. Die Seele steigt höher; sie steht wegen ihres Mißtrauens einen Gottesgedanken, der die Schöpfung überbietet, von Ihm sich lösen; sie nimmt wahr, daß um dieses Mißtrauen zu besiegen Gott das allerhöchste Vertrauen der Welt erweist: „Also hat Gott