Seite:Hermann von Bezzel - Einsegnungs-Unterricht 1909.pdf/30

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

und die Macht, Kraft zu schenken. Der allgemeine Christenberuf heißt: Willentliche Willenlosigkeit. Wer das recht könnte. Liebe, die mich hat gebunden an ihr Joch mit Leib und Sinn; Liebe, die mich überwunden und mein Herz hat ganz dahin: Liebe, dir ergeb ich mich! Gott der Herr müsse, ehe alles zerbricht, in uns diese seltene und hohe Kraft einsenken, auf alles zu verzichten, daß nichts denn Er mehr übrig sei. Man erkennt es; ach, wenn man es nur nicht übersieht; Er sagt es; ach, wenn man es nur nicht überhört: Das ist der Weg, auf dem wir wandeln sollen: Gib mir, mein Kind, dein Herz! Und indem wir diesen gemeinsamen Christenberuf, der alles umschließt, aufnehmen, sehen wir, daß der Herr den besonderen Beruf, den ein jeder unter uns hat, wie eine Schutzdecke auf der einen und auf der andern Seite wiederum wie ein Gefäß zu dem allgemeinen Christenberuf stellt. Wir bemerken es reichlich, der Erdenberuf – und als solchen werden wir den Diakonissenberuf ansprechen können und dürfen – hat seine verschiedenen Seiten.

 Es ist kein Zweifel, daß der Erdenberuf und Diakonissenberuf eine rein irdische Seite hat. So wenig eine Diakonisse so gemein ist, sich irdische Schätze in diesem Beruf erwerben zu wollen, so wenig verzichtet sie darauf, durch diesen Beruf ihr äußeres Leben zu fristen. Wir wissen wohl, daß auch nach der Sünde noch ein Beruf besteht und wissen ebensowohl, daß der Erdenberuf mit dazu gegeben ist, die äußere Seite des Lebens zu erhalten und zu bewahren. So müssen wir auch sagen, daß wir nicht ohne weiteres Offenb. 14 auf die Werke des Erdenberufs anwenden dürfen, wissen vielmehr, daß mit dem Aufhören der irdischen Lebensseite auch die irdische Seite des Berufs entfällt. Es ist deshalb rechte evangelische Nüchternheit nötig, daß man die Erdenseite, die arme Seite des Berufs ansieht, nicht weil man sie will, sondern weil es so sein muß. Wo ich durch allerlei Aeußerlichkeit und Aermlichkeit hindurchgehen muß – es sind eben die Fragen nach den äußeren Dingen, so demütigend sie sein mögen, Fragen, die, so lange wir im Leibe wallen, gelöst sein wollen – kann nicht vergessen werden, daß der Herr auf dieses Erdenleben auch den Fluch gelegt hat, sich mühen und sorgen zu sollen um Vergängliches und für ein Leibesleben, das gar bald im Grabe zerfällt. Es gehört mit zu den Demütigungen und großen Anfechtungen, die der treue Gott uns aufgelegt hat, damit wir in der Armut der Nachfolge bleiben, daß in alten Tagen noch für die Kleidung gesorgt werden muß und daß auch in kümmerlicher Zeit Speise und Trank nicht ganz vergessen werden dürfen, daß der Mensch auch den Schlaf braucht um sich für seine Arbeit leiblich zu erquicken und dergleichen mehr.