Seite:Hermann von Bezzel - Einsegnungs-Unterricht 1909.pdf/60

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festhalten: laßt uns beisammen bleiben! Wer sich absondert, der tut, was ihn gelüstet, setzt sich wider alles, was gut ist. Und Sie werden aus der Seelsorge heraus es mir glauben, wo ich diese geflissentliche Abkehrung merkte, habe ich immer wieder auf Entscheidung gedrängt. Man sage nicht, „Geflissentliche Abkehrung gibt es nicht.“ Eine unfreiwillige Abkehrung gibt es nicht. Es ist da der Nerv der Wahrheit verletzt. Wer nicht mehr recht zum Mutterhaus steht, dem mache ich keinen Vorwurf; aber daraus daß er den Schein äußerlichen Zusammenhangs noch pflegt, mache ich den Vorwurf der Unwahrheit; derselbige Mensch habe den Mut das zu sein, was er sein will.

 Die ganze mittelbare Seelsorge – damit lassen Sie mich diesen Gedankengang hinlegen – besteht in dem einen Wort: Mutterhaus. Das ist die Form, durch welche der Herr an den Seelen Seiner Dienerinnen arbeitet. Dies Zusammentreten zu einer Arbeitsgemeinschaft im Gebet, zu einer Interessengemeinschaft im Kreuz, zu einer Lebensgemeinschaft in der Hoffnung: Arbeits-, Interessen-, Lebensgemeinschaft – dieses Zusammentreten heißt man Mutterhaus.

 Es ist zunächst ein Zusammentreten zu gemeinsamer Arbeit, und die Arbeit heißt: Jesu zu Ehren. In dieser Arbeitsgemeinschaft ergänzt man sich und greift ineinander und nicht übereinander und stellt sich zusammen, und der ganze Organismus bis in seinem feinsten Geäder wird von dem einen Gedanken getragen: für Jesum! In der alten syrischen Kirche war der einzige Gruß, mit dem sich die Christen täglich begegneten: Alles zur Ehre Jesu! und das muß in einem Mutterhaus die Arbeitsgemeinschaft bilden. Alles zur Ehre Jesu! Ich habe wohl einmal im Laufe der jetzigen Besprechungen den Gedanken gestreift – den ich so oft betont habe – wenn ein Mutterhaus von einigen hervorragenden Menschen getragen wird, so ist es keine Arbeitsgemeinschaft mehr, so ist es eine geistige Idealisierung, eine Genußgemeinschaft, eine geistige Aristokratie, die noch schlimmer ist, als alle äußerliche Fernung und Exklusivität. Die geistige Vornehmheit ist ein Gemeingut, und wenn sie es nicht ist, so ist sie Gefahr. Ich habe oft auf den Gedanken hingewiesen, daß die eigentliche Arbeit des Mutterhauses von den nicht dominierenden Kreisen geschieht, und der Gedanke wird sich im Laufe der Jahre noch als recht zeigen. Ein Mutterhaus hat eine schmale Spitze, aber eine breite Basis, eine breite Grundlage, ein breites tragendes Gestein. Wenn ein Mutterhaus sich auf einzelne geistliche Präzellenzen aufbaut, auf einzelne besonders geförderte, besonders geheiligte Persönlichkeiten, so wird es eine sehr gefährliche Sache.