Seite:Hermann von Bezzel - Luther und Augustin.pdf/14

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 Jener schlägt das Lebensbuch auf mit den beschriebenen Blättern voll Schande und Sünde und Unrecht, dieser schlägt das Lebensbuch auf mit dem unbeschriebenen Blatt, daß er nichts für seinen Herrn getan, nichts von den Pfunden recht verzinst und bewuchert hat, und er schlägt das Buch zu: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?

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 Nicht in besonderen Offenbarungen, sondern in der schlichten Zusprache der tröstenden Seelsorge wendet sich der Herr an ihn: Weißt du nicht, daß ich dir geboten habe zu hoffen? und der alte Klosterbruder aus kindlicher Seele sagt ihm: Nicht Gott zürnt mit dir, sondern du zürnst mit Gott. Staupitz hat ihn getröstet, wie einen seine Mutter tröstet: „Ich werde“, schreibt Luther später – 1524 ist Staupitz in Salzburg bei Bischof Matthias Lang gestorben – „ich werde es nie vergessen, wie er ein Lichtlein nahm und in meine Nacht hinein leuchtete, da ward ich wieder froh.“ Luther hat in der Schuld des Lebens, in der allgemeinen schweren Verhaftung unter Gottes Willen schier verzagen wollen; als er aber Römer 1 fand, daß dort nicht von der strafenden Gerechtigkeit Gottes die Rede sei, sondern von der Gnadengerechtigkeit, die Gott schenkt, als er das sola fide, allein durch Glauben, allein durch Gnade, allein durch Christus recht erfassen und er fahren konnte, da war er nicht der Mann, der sein bisheriges Wissen und Wirken verdammte. Augustin schämte sich seiner Professur, Luther nahm sie erst recht auf. Augustin floh von der Welt in die Klosterzelle, Luther stürmte aus der Klosterzelle in die Welt. Augustin hielt sich ängstlich verborgen, Luther trat hell und klar auf den Plan. Denn „meine Liebe sei jedermann gewährt,

Empfohlene Zitierweise:
Hermann von Bezzel: Luther und Augustin. Verlag der Buchhandlung der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1912, Seite 14. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Hermann_von_Bezzel_-_Luther_und_Augustin.pdf/14&oldid=- (Version vom 9.10.2016)