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Liste.png Illustrirte Zeitung, Nr. 1 vom 1. Juli 1843


in gleich umfassender Weise Sorge zu tragen und außer dem, was Theater und Malerei darbietet, geben wir namentlich auch Compositionen, vorzugsweise von Volksliedern und solchen Tonwerken, deren allgemeines Ansprechen mit einiger Sicherheit wir hoffen. Es darf aber auch in einem Blatte, welches für die Bedürfnisse der großen Mehrzahl der Gebildeten berechnet ist, die Berücksichtigung derer nicht fehlen, welche in ihren Ansprüchen wie in ihrem Sein das Schöne vertreten: der Frauen, und wir werden für sie sorgen durch eine Auswahl der besten illustrirten Romane und Erzählungen aus der Heimath und der Fremde, sowie durch einen Modebericht, dem die neuesten und elegantesten Zeichnungen beigegeben sind, die sinnvollen Frauen um so mehr zu Statten kommen werden, da sie nur Schnitt und Form geben, die Wahl der Farben, die höchste Aufgabe des wahren Geschmackes, dem eignen Schönheitssinn überlassend.

Aber auch die fröhliche Jugend, die, noch im Vollgefühle der Kraft und von keinem Vorurtheil befangen, im unbestrittenen Besitze des Ideals, das offenste Auge und die unbefangenste Stimmung für die Schwächen der menschlichen Gesellschaft hat, soll nicht leer ausgehen und wir werden durch eine reichliche Auswahl treffender Caricaturen, Wortspiele, Räthsel, Charaden, Spiele und Schachaufgaben für ihre Unterhaltung in einer Weise besorgt sein, die den Geist anregt und fördert und nicht wie so viele Gegenstände der Unterhaltung, die derselben hier und dort geboten werden, Herz und Kopf vergiftet. Die Jugend soll vor allen Dingen unbefangen, lebensmuthig und fröhlich sein; wir hassen diese jungen Greise, die jetzt in den Straßen herumschleichen und was wir dazu beitragen können, sie wieder lachen zu machen und wäre es über sich selbst, das soll redlich geschehen.

So wollen wir versuchen, dem ernsten Manne, der sinnigen Frau und der kräftig aufwachsenden Jugend in unsern Spalten gleiche Genüge zu thun und Niemand glaube, daß wir die Wichtigkeit unserer Aufgabe verkennen, oder die Schwierigkeit derselben zu gering anschlagen.

Je mehr wir uns zu bescheiden haben, daß wir allen übrigen Zeitungen in Bezug auf die Neuheit unserer politischen Mittheilungen nachstehen müssen, desto aufrichtiger werden wir uns bestreben, unsern Lesern einen eben so vollständigen als treuen Ueberblick der Tagesereignisse zu gewähren und die Politik selbst von dem höchsten menschlichen Standpunkte aus aufzufassen und zu behandeln. Frei von jedem selbstsüchtigen Zweck werden wir sorgsam bemüht sein, jede einseitige Darstellung zu vermeiden, an Alles, was geschieht, den alleinigen Maßstab des Rechtes und der Wahrheit zu legen und, soviel an uns ist, dafür zu thun, daß dieselben in jedem Staate und in jedem Verhältniß zur endlichen unbestrittenen Herrschaft gelangen. Wir werden mit den Maßregeln, nicht mit den Menschen zu thun haben, es wäre denn, daß tüchtige Männer die Vertreter tüchtiger Maßregeln sind, und wir werden dann wieder nicht fragen, welchem Range und welchem Stande der Mann angehört, wir werden dem Manne aus dem Volk, wie dem Manne auf dem Throne, dem Organe der Regierung, wie dem Erwählten der Nation gleiche Gerechtigkeit widerfahren lassen. Und wie wir es für unsere Pflicht halten werden, dem Armen gegen den Reichen, dem Unterdrückten gegen den Zwingherrn unsern schwachen Beistand zu gewähren, so werden wir auch kein Bedenken tragen, das Gute, das von oben gewollt wird, gegen Vorurtheile und Abneigungen in Schutz zu nehmen und richtige Ansichten bis in die untersten Classen des Volkes zu verbreiten, eine Mühe, auf welche wir um so größeres Gewicht legen, da wir hoffen dürfen, Eintritt in den Palast zu finden und doch gleichzeitig die Thür der ärmsten Hüttenbewohner uns geöffnet zu sehen.

Und von gleich ernstem Standpunkte fassen wir unsere Aufgabe in Beziehung auf die unterhaltenden Gaben dieser Blätter. Wenn wir vorhin die Frauen die Hüterinnen der Sitte und die Pflegerinnen des Schönen nannten, so wollen wir gewiß nichts dazu beitragen, die edle Röthe der Schaam von ihren Wangen zu vertreiben und sie einzuweihen in die Mysterien eines verworfenen Lebens, wie wenig wir uns auch verbergen, daß für ihre Entartung nur zu viel bereits geschehen ist und daß es nicht an unsern Dichtern liegt, wenn wir noch keine neue Messaline die letzten Schleier weiblicher Zurückhaltung haben zerreißen sehen. Wir wollen unsere Frauen unterrichtet, aber nicht gelehrt; tief fühlend, aber nicht empfindsam; ihrer Würde bewußt, aber nicht sich ihrer Stellung überhebend; und vor allen Dingen wollen wir dieselben keusch und züchtig und es wird unsere angelegentlichste Sorge sein, von unsern Spalten Alles fern zu halten, was auch nur der Kleinsten Einer zum Aergerniß gereichen könnte.

Und haben wir schon oben ausgesprochen, was wir unserer Jugend wünschen, so haben wir auch bereits dargelegt, was wir derselben bieten: eine unverdorbene, kräftige und gesunde Nahrung für Geist und Herz; Erweiterung des Blickes über die engen Grenzen des Vaterlandes und dabei ein helles Licht für die heimathlichen Zustände; Ermunterung zur fröhlichen Thatenlust und dabei Festhaltung des rechten Zieles; einen Tummelplatz für die volle Jugendkraft und dabei die sichere Wahrung des rechten Maßes. Das jugendliche Deutschland soll unser Streitgenoß sein für Alles, was gut und rein und menschlich und weise und gerecht ist; es soll mit uns kämpfen für den Frieden im Lande, für eine gerechte Regierung und für eine menschliche Rücksichtnahme auf die gedrückten Classen des Volkes, und es soll von uns lernen, wie das Streben nach Freiheit und Gleichheit sich vereinigen läßt mit der Achtung gegen die Regeln des Anstandes und der Sitte und mit den Ansprüchen, welche die Gesellschaft an uns zu machen berechtigt ist, und wie die öffentliche Wohlfahrt an Ordnung und Recht die sichersten Grundlagen hat.

Fassen wir daher das Gesagte noch einmal zusammen, so wollen wir den Männern die gründlichste Belehrung, den Frauen die angenehmste Unterhaltung und der Jugend die kräftigste Anregung zu einem reichen und thatkräftigen Leben bieten; wir möchten ein Buch sein, welches in keiner Familie fehlt und welches jedem Gliede die willkommensten Mittheilungen bringt; welches in der größten Stadt und in dem abgelegensten Dorfe seine Freunde hat, und welches Niemand aus der Hand legt, ohne etwas darin gefunden zu haben, was ihm neu oder nützlich oder angenehm war. Und so segne Gott unser Vorhaben, welches nur dann vollständig gelingen kann, wenn es den allgemeinsten Anklang findet.


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Illustrirte Nachrichten.


Helene, Prinzessin von Mecklenburg, verwittwete Herzogin von Orleans.

An der Straße von Berlin nach Hamburg, nahe beim Eintritt in das reiche und fruchtbare Großherzogthum Mecklenburg, erhebt sich ein Städtchen, das dem Reisenden einen ebenso überraschenden als erfreulichen Anblick gewährt; es ist dies Ludwigslust, eine der lieblichsten und anziehendsten Städte Deutschlands. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts war Ludwigslust nur ein Jagdschloß, allein im Jahre 1756 verlegte der Großherzog Friedrich seinen Hof dahin, erbaute ein Schloß, eine Kirche, Häuser für seine Offiziere und legte mehre breite und elegante Straßen an.

Der Großherzog Friedrich Franz setzte das Werk seines Vorgängers fort; er verschönerte das Schloß und umgab es mit einem Park. Sein Geschmack an schönen Künsten und Naturwissenschaften bestimmte ihn eine Gemäldegallerie, ein mineralogisches und ein Muschelkabinet anzulegen, welche gesehen zu werden verdienen. Ludwigslust erwuchs durch die Gunst zweier Fürsten in kurzer Zeit zu einer ausgezeichneten Stadt. Es gibt nichts Gemüthlicheres, als die Ansicht der nach holländischer Art gebauten Häuser und seiner durch Trottoirs gezierten Straßen, die von einer doppelten Reihe von Linden beschattet werden. Nichts ist anziehender als die Ansicht des Schlosses mit der klaren Cascade unter den Fenstern und den grünen, von einer Reihe Wohnungen umschlossenen und von der Kirche begrenzten Plätzen.

In dieser heitern Hauptstadt der Fürsten und des Adels von Mecklenburg wurde die Prinzessin Helene, Herzogin von Orleans, geboren. Ihr Vater war der Erbgroßherzog Friedrich Ludwig, ein Fürst so sanft als edelmüthig, so geradsinnig als hochherzig; ihre Mutter war die junge Herzogin Caroline von Sachsen-Weimar; auf dem Erbschlosse ihrer Ahnen zeigte man mir jüngst ihr Bild, das von rührender Schönheit und bewunderungswürdigem Geiste spricht. Erzogen zu Weimar in jenem großen literarischen Zeitabschnitt, der diese Stadt berühmt gemacht, inmitten eines poetischen Hofes, dem die Namen eines Schiller und Goethe Unsterblichkeit gesichert haben, inmitten der ausgezeichnetsten Männer Deutschlands und fremder Lande, die sich mit Stolz unter den liebreichen Schutz der weimarischen Fürsten begaben, zeichnete sich Caroline bald durch die seltensten Tugenden des Geistes und Herzens aus. Weimars Einwohner nannten sie nur ihren Schutzengel, und Goethe, der sie seit ihrer Geburt aufwachsen sah, sagte von ihr: „es war ein himmlisches Gemüth!“

Durch Vater und Mutter wurde die Herzogin von Orleans mit allem ausgestattet, was den Namen der Fürsten in die Herzen der Völker gräbt, mit allem, was ihr Gedächtniß in den Augen der Künstler und Dichter veredelt, während sie durch ihre Abkunft mit den ältesten und mächtigsten Familien des östlichen Europas verwandt ist. Ein Prinz von Mecklenburg regierte über Schweden; ein andrer, der tapfre Rurik, eroberte und unterwarf einen Theil jenes unermeßlichen Reiches, das noch heutigen Tages unter der Selbstherrschaft des Hauses Romanow steht. Die Genealogen führen die Geschichte der mecklenburgischen Fürsten bis in das graue Alterthum zurück und lassen die Verzweigungen dieses Geschlechts über den ganzen Norden sich ausbreiten. Ganz neuerlich noch hat der gelehrte Finn Magnussen ihre Verwandtschaft mit Regnar Lodbrok, dem berühmten Helden der scandinavischen Sagen, nachgewiesen. –

Ueber die von so reichem Tugendglanze umgebene Wiege stieg indessen ein Unglücksstern auf. In ihrem zweiten Lebensjahre verlor die Herzogin von Orleans ihre Mutter. Von neuem vermählte sich ihr Vater am 3. April 1818 mit der Prinzessin Auguste von Hessen-Homburg; allein nach anderthalb Jahren entriß der Tod diesen Fürsten seinem Volke und der Liebe seiner Kinder. Schon hatte die Herzogin von Orleans einen jüngern Bruder verloren und so blieb ihr nur noch ein einziger, den sie zärtlich liebte; allein auch ihn sah sie in dem Alter erbleichen, wo er seiner Familie und seinem Lande die schönsten Hoffnungen versprach, in dem Alter, wo er sich vorbereitete, seinen väterlichen Vorfahren würdig folgen zu können; im Jahr 1834 vernahm sie seinen letzten Athemzug.

Im Parke des Schlosses Ludwigslust, mitten in einem Buchenwäldchen, bemerkt man eine in einfachem aber großartigem Style erbaute Kapelle. Hier ruhen unter einem geisterartig erhellten Gewölbe die zarten Opfer eines frühen Todes. Beim Anblicke dieses Grabmals mischt sich der Gedanke gläubiger Hoffnung mit den Gefühlen der Trauer und des Schmerzes. Das Gewölbe, welches dasselbe bedeckt, ist blau, mit Sternen besäet, wie der Himmel einer schönen Sommernacht und die Ueberschrift der Pforte spricht von dem Glücke derjenigen, die, nachdem sie aus diesem Leben geschieden, sich jenseits wiederfinden. Diese Kapelle ist für die treuen Mecklenburger eine Art Wallfahrtsort. An dem Tage, als ich sie besuchte, trat eine alte Bäuerin aus der Umgegend von Schwerin hinein, die Hände gefaltet, das Gesicht betrübt. Sie betete und in ihr Gebet schloß sie gewiß Vergangenheit und Zukunft ein, und die Namen Derjenigen, die nicht mehr waren, wie der noch Lebenden.

Obgleich die Vorsehung der Herzogin von Orleans die süßesten und heiligsten Familienbande zerriß, so gab sie ihr doch in der zweiten Gemahlin ihres Vaters eine mitfühlende Stütze, eine Mutter voll inniger Zärtlichkeit und unermüdlicher Ergebenheit, ein edles Herz, verklärt durch Widerwärtigkeiten, eigenen und fremden Leiden geöffnet, erhaben und gestählt durch Liebe zum Guten und durch

Empfohlene Zitierweise:
: Illustrirte Zeitung, Nr. 1 vom 1. Juli 1843. J. J. Weber, Leipzig 1843, Seite 2. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Illustrirte_Zeitung_1843_01.pdf/2&oldid=- (Version vom 26.9.2016)