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Liste.png Illustrirte Zeitung, Nr. 2 vom 8. Juli 1843


die ihr Garn fast zollfrei einführen dürfen. Für 40 Millionen Thaler englisches Garn sind im Jahr 1842 in die Zollvereinsstaaten importirt worden. – Dagegen haben seit drei Jahren allein in Sachen 40 Baumwollspinnereien liquidirt, ihre Maschinen nach Böhmen verkauft, oder sind bankerott geworden. –

Die Maschinen-Flachsspinnerei kränkelt sehr, obgleich vielleicht nur 4 Spinnereien in den Vereinsstaaten in Thätigkeit sind. Die Handspinnerei verschwindet täglich mehr und mehr. – England producirt Maschinen-Flachsgarn schon über eigenen und fremden Bedarf; früher wurde deutsches Handgespinnst nach England eingeführt. Die Kammwollspinnerei ist gedrückt, da unsere Thibets und Merinos von den englischen halbwollnen, höchst billigen Waaren, von den sogenannten Orleans, Moheirs, Alpakas verdrängt werden und die Ausfuhr nach Amerika ganz und gar stockt. Die Leinweberei siecht überall in Deutschland; theils wird ihr der entferntere und sogar mehrfach auch der innere Absatz durch die irländischen Leinenzeuge verkümmert, theils beschränkt die vermehrte Verwendung baumwollener Zeuge den Verbrauch der leinenen, besonders verderblich wirkt endlich die Vermischung leinener und baumwollener Faden in einem und demselben Stoffe, da der gute Glaube dadurch erschüttert wird. Die Baumwollenmanufaktur in allen ihren verschiedenartigen Ausläufern: der Kunstweberei, Färberei, Druckerei würde in Deutschland ein sehr gutes Absatzfeld finden, wenn nicht die englische Concurrenz in manchen Artikeln entgegenstünde. Inzwischen breitet sie sich dennoch aus und veredelt sich; auch ist nicht zu leugnen, daß die Baumwollweberei starker, schwerer Zeuge durch den Zoll sehr begünstigt ist. Die Strumpfwirkerei liegt darnieder nicht in Folge englischer Concurrenz, sondern der eigenen und der zerrütteten überseeischen Handelszustände, auf die das Strumpfgeschäft sich im Allgemeinen mehr gestützt hatte, als anzurathen war. Viele Tausende von Strumpfwirkern sind brotlos und suchen Beschäftigung beim Straßenbau, zu der ihre Körperkräfte nicht im Verhältniß stehen. Die Zeugdruckerei steht auf einem gesunden Boden und, wenn auch von einigen Seiten das Geschäft übertrieben und dadurch verdorben wird, so erholt sich dasselbe doch jederzeit wieder durch Entfaltung eines neuen Geschmacks und Erfindung schöner Muster. Die Wollenweberei besitzt besonders in den leichteren gemischten Streichgarnzeugen die Füglichkeit zu einer recht vielseitigen Geschäftsentwicklung. Die Tuchmanufaktur, wie bereits erwähnt, hat sich aus einem längern Versunkensein zu sehr erfreulicher Rührigkeit emporgerafft und überall zeigen sich die erfreulichsten Erfolge sowol in Bezug auf Schönheit, als auch auf Preiswürdigkeit der Tücher. Wir werden uns vorbehalten, diesen interessanten Aufschwung, seine Ursachen und Folgen näher zu beleuchten. – Nur durch ausgezeichnete Kammgarngewebe in Verein mit Seide, Druck und Broschirung wird sich dem Uebergewicht Englands einigermaßen begegnen lassen. Deutschland leistet darin bereits Vorzüglichstes, wird und muß weiter darin vorschreiten. – Die allmälige Verbreitung der Seidenweberei in Sachsen, es sind hier vielleicht 800 Stühle gangbar, die Thätigkeit der rheinischen und berliner Fabrikanten geben von der tüchtigen Grundlage dieses Gewerbes Zeugniß, die nur wegen der Liebhaberei der Frauen für fremde Moden und der hohen Ausbildung der lyoner Manufaktur nicht so fortschreiten kann, wie es unter anderen Voraussetzungen wol geschehen dürfte. – Die Band-, Franzen- und Posamentierfabrikation ist, was Modeband betrifft, sehr von den Schweizern in Schach gehalten – einfachere Bänder liefert das Bergische in großer Fabrikvollkommenheit, – während die Bänder des sächsischen Obergebirgs fast ganz verschollen sind. – Wien, die Schweiz und Frankreich insbesondere liefern die Bänder, mit denen die Frauenwelt sich vorzugsweise gern schmückt. Die Posamentierfabrikation des Erzgebirgs erfreut sich der Gunst der Mode; dahingegen ist es Deutschland bekannt, wie über alle Beschreibung die gebirgischsächsische und böhmische Spitzen- und Nähwaarenfabrication darniederliegt und dies allerdings aus dem Grunde, weil die englischen Spitzen bei ziemlich gleicher Schönheit um das zehn- bis fünfzehnfache billiger sind. – Vor 15 Jahren machte der Fabrikant F. G. Wieck, in Verein mit einer Gesellschaft, welche gegen eine halbe Million Thaler disponirte, in Sachsen große Anstrenungen, die englische Art der Spitzenfabrication einzuführen; sie waren vergeblich, da wider England kein Schutz zu erlangen war. Die Maschinen wurden nach Oestreich verkauft, der Unternehmer ging zu Grunde und 40,000 Arbeiterinnen, die dadurch einer neuen Beschäftigung hätten zugeführt werden können, sind gegenwärtig fast ganz ohne Verdienst. Für feine, theure Spitzen, für ausgezeichnete Stickereien kann sich das Verhältnis zu Gunsten der Hand wenden, für den Hauptartikel, schmale und Mittelwaare, niemals.

Der Maschinenbau nimmt in der modernen Industrie einen sehr bedeutenden und bezeichnenden Platz ein; es ist dies auch ganz natürlich, da die Industrie in ihrer Allgemeinheit vorzugsweise auf Maschinenkraft und Maschinenentwickelung beruht. Nach dem Stande und dem Bestehen des Maschinenbaues ist ein zurückschließendes Urtheil auf den Zustand der Manufakturthätigkeit desselben Landes mit größter Wahrscheinlichkeit zu fällen. Selten geht der Maschinenbau einer günstigen Fabrikthätigkeit hinterdrein, sondern gemeiniglich voraus. Der Maschinenbau ist die Wurzel der Industrie. Wir haben das Drehrad bei Seite gestellt und uns die Dampfmaschine zugesellt, welche eigens geschaffen scheint, die unermüdliche Sklavin des Menschen zu sein. Und das ist ein offenbarer Gewinn und eine Wiedereinsetzung des Menschen in seine Würde, der doch nicht dazu geschaffen ist, rundum in der Mühle zu treten und gedankenlos sein ganzes Leben lang den Schützen zu schießen. Weniger die Wasserkraft, die unzuverlässig ist und noch andere Dinge, z. B. Berieselung, zu verrichten hat, sondern die Dampfkraft ist die Kraft, der Deutschlands Industrie mehr und mehr zu vertrauen anfängt, wohl belehrt, daß sie es hauptsächlich ist, der England seine großen Erfolge, sein derzeitiges Uebergewicht zu danken hat. Daher schreitet der Dampfmaschinenbau, neben dem der Industriemaschinen mächtig vor, und wird unsere Gewerbthätigkeit unter den nothwendingen Voraussetzungen dahin bringen, daß, Wind u. Sonne getheilt, wir mit England und Frankreich in den Schranken stehen können. In der großen Mannichfaltigkeit der Waaren gefällt sich die fortschreitende Ausbildung der Metallwaarenfabrikation in all ihren unendlich verschiedenen Verzweigungen und Eigenthümlichkeiten. Die Begünstigung, welche im Durchschnitt der Tarif jenem Betriebszweige angedeihen läßt, hat zu seiner naturgemäßen Entwickelung beigetragen, denn uralt sind die Gewerke der Metallarbeiter in Deutschland. Eisen ist neben den Lebensmitteln überall die Grundlage der Existenz; wenn seine Erzeugung im Lande gefährdet wird, heißt dies die Nation mit der Beraubung des Pflugs und des Schwertes bedrohen. – Solches ist jetzt in den Zollvereinsstaaten der Fall, wo das englische Roheisen zu einem so wohlfeilen Preise eingeführt wird, daß die Hüttenwerke nach und nach zu schmelzen aufhören müssen, wodurch viele Capitalien und Existenzen vernichtet und ein bedeutendes Grundeigenthum entwerthet wird. – Aller Orten bilden sich ephemere Gießereien und Frischereien, welche zu ihrem Betrieb sich des englischen Roheisens bedienen. Dahingegen werden von Tage zu Tage mehr Hohöfen in Schlesien und am Rhein ausgeblasen.

Aus der gegebenen Schilderung, so wünschen wir, mögen unsere lieben Leser den Zustand unserer deutschen Fabrikindustrie wohl erkennen und es ihnen deutlich werden, daß eine große Umsicht im Einzelnen und im Ganzen oben und unten dazu gehört, das lebendige Getriebe so in Gang zu halten, daß Alles sich neben und unter einander bewege, ohne sich gegenseitig zu stören. Sie werden nach einigem Nachdenken inne werden, daß die Interessen des Handels und der Industrie, sogar einiger Industriezweige unter einander, zuweilen auch die des Landbaues und der Industrie einander entgegen zu stehen scheinen, und es zu einem Kampfe den Anschein habe. Auch ist dies wirklich der Fall und wird solches durch die verkünstelten Verhältnisse herbeigeführt, in welche prakticirende Staatsärzte nach und nach alle Staaten gebracht haben, so daß von einer natürlichen Regung und Bewegung gar nicht mehr die Rede sein kann und man aus gegenseitigen Übergriffen, Misverständnissen und nothgedrungenen Zugeständnissen, damit nur eben ein äußerlicher Friede hergestellt werde, gar nicht herauskommt. Wäre die Regung und Bewegung in natürlicher Freiheit möglich und es scheint dies kaum der Fall zu sein, da selbst die jüngsten Staaten sich Zollfesseln anlegen, so würde kein Zusammenstoß zwischen den Interessen der Gewerbthätigkeit, des Handels und des Landbaues geschehen können, sondern diese Entwickelungen und Entfaltungen menschlicher Arbeit würden neben einander zu allseitigem Nutzen und ohne gegenseitige Beeinträchtigung vor sich gehen. – Einen solchen Zustand zu erträumen, da er ihn nicht herbeizuführen vermag, gefällt dem Menschenfreunde; wir haben uns die Aufgabe gestellt, für das Erreichbare nach besten Kräften thätig zu sein.

1.




Henson’s Luftdampfschiff.

Es hat zu keiner Zeit an menschlichen Versuchen gefehlt, den Vögeln die Kunst des Fliegens abzulernen, oder auf ähnliche Art in der Luft zu schwimmen, wie die Fische im Wasser. Alle dergleichen Versuche haben entweder ein trauriges Ende genommen, wie z. B. die von Degen in Wien, oder zu keinem bemerkenswerthen Resultate geführt, wie die von Zachariä in Kloster Roßleben. Man verlor dabei aus den Augen, daß es nicht genügt, einen Apparat zu construiren, welcher in der Form dem Fisch oder Vogel ähnlich und mit beweglichen Flügeln oder Rudern von einer dem zu hebenden Gewichte, der Rechnung nach, mathematisch entsprechenden Widerstandsfläche versehen ist; man müßte auch ein Material haben, welches bei der größten Leichtigkeit dieselbe Elasticität und Widerstandsfähigkeit hat, wie die Vogelfeder, man müßte dem Menschen eine Muskelkraft ertheilen können, welche jener des Vogels gleicht. Beides ist nicht möglich, und indem der Körper des Menschen an sich schon etwas schwerer ist, als der Vogelkörper und auch der bekannten Vorrichtungen entbehrt, wodurch sich der Vogel leichter und schwerer machen kann, befinden wir uns in der unangenehmen Lage, Flügel von ungeheurer Widerstandsfläche haben zu müssen, denen man durchaus nicht die erforderliche Festigkeit geben kann, wenn sie nicht zu schwer werden sollen, und die sich überhaupt durch Menschenkraft mit der erforderlichen Geschwindigkeit nur auf Augenblicke bewegen lassen. – Henson’s neuerfundene, in England und Frankreich patentirte, aber, trotz allen Zeitungslügen und Puffs noch in keinem großen Versuche praktisch bewährte Maschine, soll die unzureichende Menschenkraft durch eine Dampfmaschine ersetzen. Man sieht aber leicht, daß die Widerstandsfläche der Flügel, welche eine kleine Dampfmaschine von 600 Pfund, einen Wagen und eine Anzahl Personen schwebend in der Luft erhalten sollen, so ungeheuer sein muß, daß die Bedingung einer nur einigermaßen genügenden Festigkeit unmöglich erfüllt werden kann. Sollte man also auch, was immer noch zu bezweifeln ist, sich mittels dieser Vorrichtung auf eine Strecke erheben und in der Luft erhalten können, so ist doch so gar keine Garantie für eine Verbiegung, einen Bruch der Flügel u. s. w. gegeben, daß von praktischer Benutzung keine Rede sein kann. Uebrigens ist, so weit man aus den beistehenden, obgleich in wesentlichen Beziehungen undeutlichen Zeichnungen sehen kann, die Construction immer noch sehr roh. Fast ganz undeutlich ist die Angabe englischer Journale, daß der Apparat sich nicht selbst erheben könne, sondern durch eine äußere Kraft auf einer schiefen Ebene seine Anfangsgeschwindigkeit empfangen müsse; dieser Umstand allein, wäre derselbe begründet, und nicht wenigstens ein Ausgleichungsmittel angegeben, würde die ganze Sache zu einer aller Berücksichtigung unwürdigen Charlatanerie stempeln. Von den nachstehenden Figuren giebt die eine nur eine hypothetische Ansicht des hoch über Stadt u. Land schwebenden Ungethüms, die beiden andern sollen die Construction versinnlichen. A sind die beiden Flügel, jeder 150 Fuß lang und 30 Fuß breit, aus eisernen Rahmenwerke construirt, über welche ein seidener oder leinerner Ueberzug gespannt ist; letzterer besteht aus 3 Theilen, welche durch eine Schnur ausgespannt und zusammengerafft werden können, um den Widerstand zu mehren und zu mindern. Als Ganzes sind die Flügel nicht beweglich (!?), sondern werden durch die eisernen Stützen BB, sowie durch darüber gespannte Seile festgehalten und sind mit dem festen Mittelstück CC unveränderlich verbunden. Man sieht also, daß diese Flügel nur die Wirkung der Schwere aufheben und das Fahrzeug horizontal schwebend auf der gegebenen Höhe erhalten sollen. Als forttreibende Theile sind die beiden Windräder DD anzusehen, welche durch die Dampfmaschine G – mit welcher zugleich der Wagen für Personen u. s. w. in Verbindung steht – in schnelle Bewegung versetzt werden. Die Veränderung der Richtung in der Horizontalebene wird theils durch das Steuer H, theils durch den aus einzelnen Stangen fächerförmig zusammengesetzten, mit Zeug bespannten, um das Gelenke F frei beweglichen Schwanz E bewirkt. Die Dampfmaschine selbst soll manche sehr gute Einrichtungen

Empfohlene Zitierweise:
: Illustrirte Zeitung, Nr. 2 vom 8. Juli 1843. J. J. Weber, Leipzig 1843, Seite 23. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Illustrirte_Zeitung_1843_02.pdf/7&oldid=3126256 (Version vom 21.5.2018)