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Liste.png J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang

uns die freie, deutsche Presse geben! – Grossartige Institutionen in dem Charakter unserer Zeit, Entwickelung aller materiellen Kräfte im Staate zu dem Vortheile jedes Einzelnen wie der Gesammtheit: – das ist es, was uns gegenwärtig an einen Staat fesseln kann; nicht aber Nationalität oder Sprache, noch viel weniger Religion, wie man immer noch zu behaupten sich nicht entblödet. Die Nationalität hemmt weder den geistigen noch den materiellen Verkehr in einem Staate, und die Verschiedenheit der Sprache ist in unseren Tagen kein Hinderniss mehr (mit Ausnahme etwa der magyarischen, die freilich mit keiner europäischen, gebildeten Verwandtschaft hat), meinem anders redenden Vaterlande ein nützlicher Bürger zu sein.

 Und was sollten wohl die Slawen in Preussen, Oestreich und der Türkei zu thun beabsichtigen, nachdem sie sich von dem gegenwärtigen Staatenverbande losgerissen (denn man kann doch den an der Spitze der slawischen Bewegungen stehenden Männern nicht zutrauen, dass sie planlos und blindlings aufs gerade Glück hin eine Europa aus den Fugen hebende Revolution anfangen werden)? – „Ein grosses Slawenreich gründen!“ schreien die „wüthenden Häupter an der Donau.“ „Mit Russland sich vereinigen!“ schallt es von Deutschland herüber. Und dennoch ist das Eine so wenig denkbar, als das Andere. Die Slawen sollen sich mit Russland vereinigen wollen? Sollten sie in Russland so viele Vortheile finden, dass sie ein solch blutiges Mittel, sich an dasselbe anzuschliessen, nicht für allzu kostspielig erkennen sollten? Russlands innere Zustände kann man nur dann gehörig würdigen, wenn man bedenkt, aus welchen Elementen Russland das geworden, was es jetzt ist, wenn man zurückblickt, was es vor einem Jahrhunderte war. Dass die Regierung die ernstliche Absicht hat, Land und Volk vorwärts zu bringen, liegt allzu offen am Tage; und wer es auch nicht zugeben wollte, dass die jetzige Verwaltung bei der gegenwärtigen Lage der Dinge unbedingt die beste sei, der wird, und ist er auch der wüthendste Feind des „nordischen Colosses“, ihr doch das achtungsvolle Zeugniss nicht abzusprechen wagen, sie verfolge jene humane Tendenz mit einer Kraft und Energie, die man gar oft zu bewundern gezwungen sei. Trotz dem aber wird sich keine slawische Völkerschaft an Russland gern anschliessen wollen. Das Princip des Staates, aus der Geschichte seiner Entwickelung erklärlich, von dem er gegenwärtig nicht zu weichen im Stande ist, ist Einheit in der Nationalität und Sprache. Und sollten die Slawen geneigt sein, diese einem Bündnisse mit Russland zu opfern? Uebrigens fragt es sich ja, wer soll sich an Russland anschliessen? – Die Westslawen? – Die Polen in Preussen und Oestreich? – Nie und nimmermehr! – Die Czechen in Böhmen, Mähren und Nordungarn? – Ausserdem, dass sie durch die Polen überall von den Russen getrennt sind (mit Ausnahme einer Strecke von etwa 15 geogr. Meilen in Gallizien, wo die Slowaken mit den Russinen gränzen), vernichtet ihre Religion, mehr noch ihre weit vorangeschrittene geistige und materielle Kultur jeden Wunsch nach dem Osten (die albernen Verläumdungen und Verdächtigungen, mit welchen einzelne slowakische Männer von den Magyaren überhäuft werden, entbehren aller Vernunft und können eben nur an der Donau geglaubt werden!) Von der Lausitz, in welcher Herr Tereschczenko auch Verehrer „des weissen Cares“ fand, schweigen wir aus Schmerzgefühl. – Oder die Südslawen? – Auf diese weiset man besonders in Ungarn hin. Aber man frage nur einen Serben, was er für Vorliebe für Russland hat. Und die Slawen in Oestreich, sollten nicht ihre materiellen Interessen, die Aussicht auf selbstständige Entwickelung im nationalen Geiste sie abhalten, sich Russland in die Arme zu werfen, so lange sie sich nur halten können. Anders ist es mit den Bolgaren; auf sie hat Russland ungemeinen Einfluss, da es eine Art von Garantie für das Bestehen ihrer Nationalität zu gewähren scheint. (Vergl. damit Heft 1. Abth. III. 4. S. 39.) – Die Meinung, als zielten die panslawistischen Bestrebungen dahin, eine slawische Universalmonarchie zu gründen, würden wir für einen schlechten Witz gehalten haben, wenn sie nicht ebenfalls in dem Treibhause aller Verläumdungen gegen die Slawen entsprungen wäre. Aus diesem Grunde und weil sie von dort aus immer und immer wiederholt

Empfohlene Zitierweise:
J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang. Robert Binder, Leipzig 1843, Seite 93. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahrb%C3%BCcher_f%C3%BCr_slawische_Literatur,_Kunst_und_Wissenschaft_1_(1843).pdf/104&oldid=3446523 (Version vom 3.11.2018)