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Liste.png J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang

Polenherzen durch, noch vermochte er in ihnen Hass zu erzeugen gegen jene Brüder, welche sich darauf beriefen, sie hätten keinen Grund, in der Religion Neuerungen zu suchen, noch mit ihrem Gewissen zu hadern.

 Gleich von ihrem ersten Entstehen an hatte die polnische Literatur mehrere Gesichtspunkte, als irgend eine andere im Westen. Zu der religiösen Zwiefachheit, welche eine angeborene Eigenschaft der polnischen Republik war, traten noch andere sehr wichtige Rücksichten hinzu. Lilthauen und Russland hatten lange Zeit das Russische (ist wohl zu verstehen: das Kirchenslawische), Preussen, Kurland und Liefland das Deutsche zur Schriftsprache. Die Deutschen eilten ihrerseits mit grosser Sorgfalt den, den Reigen führenden Italienern und später den Franzosen in der Aufklärung nach. Darum also mussten die Polen bei iher Literaturentwicklung Rücksicht nehmen auf das Russische und das Deutsche.

 Man hat so oft vorgeworfen und wirft auch heute noch den Polen das Nachahmen in der Literatur und in allem Andern vor, ja man gibt dies sogar für eine dem slawischen Stamme angeborene Eigenschaft aus. Eine solche Auffassung der Welt, der Nationen, ihres Lebens, ihrer Sitten, ihrer Rechtsinstitutionen und ihrer Literatur ist keine allzutiefe. Wir Polen schreiten auf dem römischen Grund und Boden fort und lagern am Ausgangspunkte jenes Lichtstrahls der Civilisation, der von Rom ausging. Die Grundlage brachten uns Karl der Grosse, die Ottonen, die deutschen Geistlichen und Kolonisten, im dreizehnten Jahrhundert die italienischen Akademiker und endlich die französischen Erzieher, Rechtslehrer und Soldaten. Dabei ist es ganz einfach und natürlich, dass wer am entferntesten steht, die Neuigkeiten zuletzt erfährt.

 Nimmt man den Fortschritt als etwas allgemein Europäisches, als etwas Nothwendiges und in der Vernunft Bedingtes, als das Resultat der dunkeln Vergangenheit, so haben wir den Beweis, dass wir Polen immer thun, was aus unserer Lage sich ergibt. Oder sollen wir vom Neuen anfangen, die Ideen, die Entdeckungen und Erfindungen zu bearbeiten, welche bereits Andere vollendet haben? Sollen wir absichtlich die fremde, uns vorangehende Erfahrung unbenutzt lassen? Sollen wir wieder die natürliche Folgereihe, das Glied in der Kette der Ideen, der Entdeckungen und Erfindungen überspringen? Für uns wird es schwer, mit neuen Dingen hervorzutreten, denn wir haben immer noch die alten Deposita zu bearbeiten, welche so nothwendig sind in einer Civilisation, wie die, welcher wir angehören.

 Es gab ausgezeichnete Männer in unserer Nation, welche die vaterländische Literatur aus dem fremden Einflusse herausreissen wollten; allein sie fanden in der Nation selbst kein Mittel, denn diese bildet in ihrem Geiste wie in ihrer Lage und Vergangenheit einen integrirenden Theil Europas.

 Ohne in eine weite Untersuchung einzugehen, lässt es sich gar wohl behaupten, dass die Nachahmung keineswegs weder im slawischen, noch im polnischen Blute liege, sondern nur eine Wirkung des Standpunktes, der Lage ist, welche denselben historischen Grund hat; denn es liegt vielmehr in dem Landstriche, den wir einnehmen, und in der Zeit, die wir durchlaufen haben, der gemeinsame und einzige Grund, dass wir uns nicht anders entwickeln konnten.

 Niemand zweifelt daran, dass die polnische Literatur nicht in einer Epoche mehr Eigenthümliches gehabt habe, als in der andern; und wenn man fragt, wann diese Epochen eingetreten, so antworten wir natürlich: In jener Zeit, wo sie frei und ununterworfen war und sich auf ihrem hohen Standpunkte fühlte, trug sie überall den schlagendsten Stempel der Nationalität. Wenn jedoch das Schicksal mit der gänzlichen Vernichtung drohte, da erhob sich ebenfalls der nationale Geist und strahlte in glanzvollen Erzeugnissen. Am schlimmsten war augenscheinlich das Schwärmen in einem erträumten Zustande; nur in einem solchen knickte der fremde Einfluss das nationale Element nieder und schmuggelte die Nachahmung ein. Mit einem Worte, es mochten die Zeilen glücklich, sie mochten

Empfohlene Zitierweise:
J. P. Jordan: Jahrbücher für slawische Literatur, Kunst und Wissenschaft. Erster Jahrgang. Robert Binder, Leipzig 1843, Seite 300. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahrb%C3%BCcher_f%C3%BCr_slawische_Literatur,_Kunst_und_Wissenschaft_1_(1843).pdf/311&oldid=- (Version vom 3.9.2018)