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Wölkchen jagte dem Blitze nach und löste sich dann sanft auf wie ein Schäferwölkchen, das im Blau zerfließt. Das waren russische Schrapnells.

Das ist nun der 18. Tag der Einschließung und der 18. Tag, seit die Kanonen donnern. Manchmal kommt einem alles wie ein Alp vor, der sich einem im Traum auf die Brust legt, und man will sich aufrichten und ihn von sich schütteln.

Heute schrieb ich für Emil dieses Gedicht nieder:



Wenn die ehernen Schlünde reden:

Kein Laut von außen.
Die Tage schweigen.
Die Nächte schweigen.
Ein eiserner Ring umklammert uns in Gier,
Ein tausendfältig wimmelnd Leben,
Das mit Polypenarmen nach uns greift.
Kein Laut von außen.
Die Tage schweigen.
Die Nächte schweigen.
Nur eh'rne Zungen reden
Von alter Schuld,
Von altem Haß. –
Kein Laut von außen.
Die Tage schweigen.
Die Nächte schweigen.
Nur erzne Schlünde schleudern Blitze,
Die jäh, wie der Befreiung Licht,
In Siegerzorn den Ring zerreißen.


Przemysl, den 6. Oktober 1914,
     am 19. Tag der Einschließung.

Es lastet immer unerträglicher.

Wieder nichts von Emil gehört! Am liebsten möchte ich mich hinlegen und durchschlafen, bis er kommt.

Empfohlene Zitierweise:
Ilka von Michaelsburg: Im belagerten Przemysl. C. F. Amelang, Leipzig 1915, Seite 39. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:MichaelsburgImBelagertenPrzemysl.pdf/49&oldid=3351521 (Version vom 1.8.2018)