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Liste.png Alfred Kerr (Hrsg.): Pan (25. Oktober 1912)

Liebesgeschichte
Von Alexander Solomonica

Ich mußte vierzehn Tage lang das Bett hüten und faßte in dieser Zeit den Entschluß, mein allnächtliches Café fortan zu meiden. Dieses Lokal, das nicht etwa leer, sondern recht gut besucht war, langweilte mich über die Maßen. Trotzdem war ich, wie gesagt, in jeder Nacht dort anzutreffen. Auch in der Nacht meiner Genesung. Ich saß wieder auf demselben Fleck; das wunderte mich nicht, denn ich hatte überhaupt allen Grund, mit mir unzufrieden zu sein. Ich war also abermals allerlei widerwärtigen Stimmen ausgeliefert. Nicht nur, daß ich gezwungen war, meine Zeit in ganz lächerlicher Weise zu verschwenden, auch der Anblick der häßlichen Gesichter so vieler hoffnungsvoller junger Menschen war meiner Gesundheit nicht dienlich. Zudem streiften mich die Blicke meiner Nachbarschaft mit demselben Ausdrucke von Dummheit und Haß, der es mir verbot, ihnen auch nur mit freundschaftlicher Gelassenheit zu begegnen. Aber ich hatte doch wenigstens das Gefühl, in vertrauten Verhältnissen zu sein. Nur die eine oder andere Veränderung war eingetreten. Ein neuer Kellner, dem man Respekt beibringen muß. Auch Gäste sind da, die ich nicht kenne.

Nicht weit von mir sitzt ein mir unbekanntes Mädchen, das sich gebärdet, als kenne es mich. Das Fräulein nickt mir zu, was die Aufmerksamkeit so mancher meiner Bekannten erregt. Ich verneige mich lächelnd, wie es sich gebührt, aber der Gruß galt gar nicht mir. Ich habe mir also eine unerwünschte Blöße gegeben, kein Wunder, daß ich ein fernes Gelächter auf mich selbst beziehe. Der Irrtum war übrigens nicht der Rede wert, und ich gebe mich geradezu der Hoffnung hin, daß er unbemerkt geblieben ist. Ich blicke also unbekümmert nach dem Fräulein hinüber; ganz hübsch, denke ich mir, wiewohl ich ihr Gesicht nicht deutlich sehe. Ich habe begreiflicherweise ein Interesse daran, daß sie sich nicht einfach zur Partei meiner Gegner schlägt. Nichts leichter als das; übrigens wurde meine Abwesenheit ohne Zweifel zu besonders übler Nachrede benutzt. Sie wendet den Kopf und ich bin enttäuscht: ein gleichgiltiges Gesicht, wenn ich auch nicht leugnen kann, daß mir ihre geheimnisvollen Augen recht gut gefallen. Auch ihr Haar ist hübsch, aber es verlohnt sich nicht der Mühe, länger hinzusehen. Nun verabscheue ich zwar mein Café, will aber wenigstens die Rechte

Empfohlene Zitierweise:
Alfred Kerr (Hrsg.): Pan (25. Oktober 1912). Hammer-Verlag G.m.b.H., Berlin 1912, Seite 79. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Pan_(25._Oktober_1912).djvu/9&oldid=- (Version vom 1.8.2018)