Seite:PhiloSobrGermanAdler.djvu/13

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30 Als nun der Gerechte nüchtern ward und erkannte, was alles „ihm sein jüngerer Sohn getan hatte“, spricht er den schwersten Fluch aus. In der Tat nämlich, wann der Geist wieder zur Besinnung kommt, bemerkt er sofort folgerichtig, was alles die umstürzlerische Schlechtigkeit in ihm vorher getan hat; das hatte er während des Rausches unmöglich wahrnehmen können.[1] [7] 31 Wem er aber flucht, das muß man betrachten; dies ist nämlich auch eine von den Fragen, die der Untersuchung wert sind; denn nicht seinem Sohne flucht er, der die Sünde begangen zu haben scheint, sondern dessen Sohne, seinem Enkelkinde, von dem doch (die heilige Schrift) bis zu diesem Zeitpunkt kein sichtbares Vergehen, kein kleines und kein großes, aufgedeckt hat.[2] 32 Denn derjenige, welcher aus Vorwitz seinen Vater nackt erblicken wollte, darüber, was er erblickte, lachte und Dinge ausplauderte, die er unbedingt hätte verschweigen müssen, war ja der Sohn Noahs Cham, derjenige aber, welcher der Sünde eines anderen beschuldigt wird und den Fluch erntet, ist Chanaan; denn es heißt: „Verflucht sei Chanaan; Diener im Hausgesinde soll er sein seinen Brüdern“ (1 Mos. 9, 25).[3] 33 Was hat denn, wie gesagt, dieser verbrochen? Aber darüber haben vielleicht schon diejenigen bei sich nachgedacht, welche die Gewohnheit haben, den wörtlichen und handgreiflichen Inhalt der Darstellung in den Gesetzbüchern klarzustellen; wir aber folgen der Eingebung der rechten Vernunft und wollen den tieferliegenden Sinn auslegen, müssen aber vorerst notgedrungen

  1. Darin klingt die Anschauung der alten Stoa nach, welche in ihrer Affektlehre jedes πἀθος als eine Ausschließung des λόγος ansah; Chrysipp bezeichnete den Rausch geradezu als kleinen Wahnsinn (StVF III 713); und in der Frage, ob der Weise sich berausche, wird die Verneinung damit begründet, daß es zu seinem Wesen gehöre, πάντα κατ' ἀρετὴν ποιεῖν καὶ τὸν ἀπὸ ταύτης ὀρθὸν λόγον (StVF III 643).
  2. „Auf die Frage, warum nicht Ham, sondern sein Sohn verflucht wird, gibt Procopius drei Lösungen“. Über diese vgl. P. Wendland, Neu entd. Fragmente S. 60. – In den Quaest. et sol. in Genesin II 77 ist uns eine doppelte Erklärung Philos noch erhalten.
  3. Neben die Version der LXX παῖς οἰκέτης ist hier die sich enger an den MT anschließende Übersetzung Aquilas δοῦλος δούλων in den griechischen Text eingedrungen. Daß Philo nicht beide Fassungen geschrieben haben wird, ist einleuchtend; wahrscheinlich wird Wendland Recht haben, nach Mangeys Vorgang die Worte δοῦλος δούλων zu streichen, wenngleich Ryles Einwendungen von ihm nicht zwingend widerlegt sind (Kritische und exeg. Bemerkungen zu Philo, Rhein. Mus. 53, 15f.).