Seite:Schnitzler Traumnovelle.djvu/40

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sich gerichtet. War es möglich? Nachtigall –? Der hatte ihn schon erkannt, hob freudig überrascht beide Arme, trat auf Fridolin zu, ein großer, ziemlich breiter, beinahe plumper, noch junger Mensch mit langem, leicht gelocktem, blondem, schon etwas graumeliertem Haar und einem blonden, in polnischer Art herunterhängenden Schnurrbart. Er trug einen offenen grauen Havelock, darunter einen etwas speckigen Frack, ein zerdrücktes Hemd mit drei falschen Brillantknöpfen, einen zerknitterten Kragen und eine flatternde weiße Seidenkrawatte. Seine Lider waren gerötet wie von vielen durchwachten Nächten, doch die Augen strahlten heiter und blau.

„Du bist in Wien, Nachtigall?“ rief Fridolin.

„Du weißt nicht“, sagte Nachtigall in polnisch weichem Akzent mit mäßigem jüdischen Beiklang. „Wie weißt du nicht? Ich bin doch so beriehmt.“ Er lachte laut und gutmütig und setzte sich Fridolin gegenüber.

„Wie?“ fragte Fridolin. „Vielleicht Professor der Chirurgie geworden im geheimen?“

Nachtigall lachte noch heller auf: „Hast du mich jetzt nicht geheert? Jetzt äben?“

„Wieso gehört? – Ach ja!“ Und nun erst kam es Fridolin zu Bewußtsein, daß er während seines Eintretens, ja schon früher, als er sich dem Kaffeehaus genähert, aus irgendeiner Kellertiefe Klavierspiel

Empfohlene Zitierweise:
Arthur Schnitzler: Traumnovelle. Berlin, S. Fischer 1926, Seite 38. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Schnitzler_Traumnovelle.djvu/40&oldid=- (Version vom 1.8.2018)