Seite:Sponsel Grünes Gewölbe Band 3.pdf/139

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Gestalten kommen im Grünen Gewölbe nur noch gleich in Charakteristik und Temperament die in Elfenbein und in Ebenholz geschnitzten Figürchen; schon die mit Barockperlen gebildeten emaillierten Goldfigürchen stehen nur in einzelnen, schon genannten Stücken auf gleicher Höhe. Bei den Tierfiguren in dem Hofhalt des Großmoguls läßt zuweilen die dick aufgetragene Schmelzmasse die Formen nicht scharf genug zur Geltung kommen. Wie ausgezeichnet Dinglinger aber zu modellieren und zu ziselieren verstand, das erkennt man da, wo die Gestalten ohne Email gelassen sind, wie an den Drachen der Wage auf Tafel 42 links und an der Fratze des Ausgußrohrs und an dem Delphin des Deckels der in barocken Formen gebildeten, sonst ganz mit Email überdeckten Vase auf Tafel 45 links. Diese Vase hat nun nicht das geringste mit indischen Erzeugnissen gemein, ja auch die figürlichen und Landschaftsszenen, mit denen sie bemalt ist, sind der griechischen Mythologie entlehnt, ebenso wie an der Malerei des davorstehenden Beckens. Diese Vase verdankt ihre Erfindung und Ausstattung allein nur der Freude, ein kleines Kunstwerk mit allem Raffinement technischer Fertigkeiten zur Vollendung zu bringen. Es ist erstaunlich, mit welcher Sorgfalt bis in die geringste Zutat das alles ausgeführt ist. Das gleiche gilt auch für die übrigen kleineren und noch minutiöser verzierten Geschenkstücke, von denen die auf einer Tragbahre von Dienerinnen getragene Stutzuhr im 4. Band abgebildet wird.

Alle diese Stücke und die Gruppen der Fürsten mit ihrer Begleitung (davon die des vornehmsten abgebildet auf Tafel 41), die beiden Elefantengruppen (auf den Tafeln 42 und 43), der thronende Großmogul selbst würden, jede einzelne für sich betrachtet, als ausgezeichnete Zeugnisse der Kunstfertigkeit anerkannt werden, da sie jedoch hier alle durch eine einheitliche Vorstellung zusammengefaßt sind, haben manche dies unbeachtet gelassen und das Ganze als eine Geschmacksverirrung verworfen, wo doch dieser Hofhalt des Großmoguls nicht nur vom ästhetischen Standpunkt unserer Zeit aus zu würdigen ist, sondern als ein beredtes Zeugnis für das zu Anfang des 18. Jahrhunderts vorherrschende, mit romantischen Vorstellungen verknüpfte Interesse für fremde Völker und Sitten, das bei August dem Starken, einem der markantesten Vertreter der damaligen europäischen Kultur, bis zu leidenschaftlicher Verehrung gesteigert war.

Diesem umfangreichen Werk Dinglingers folgt nun eine Reihe von Kabinettstücken, entstanden zwischen den Jahren 1711 und 1722, die alle die gemeinsame