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gehören zu den schönsten Humanistenerlebnissen. Welche Gedanken dabei kommen können, ist durch Erasmus prachtvoll dargelegt in seiner Vorrede zum Hieronymus 1516.

Merkwürdig ist bei dieser Verehrung der originalen Handschrift, wie schonungslos oft mit ihr verfahren wird. Nur die Ungeduld erklärt dies. Otto Brunfels in Straßburg, Michael Hummelberg in Ravensburg schicken dem Rhenan der Erste einige aus einem Codex der Karthäuserbibliothek gerissene oder geschnittene Blätter mit Nachrichten über Barbarossa, der Andre die letzte „Tabelle“ des altrömischen Itinerars, das ihm Peutinger anvertraut hat. Erasmus, später Sichart, geben alte Handschriften selbst in die Druckerei, wo sie durch die Setzer beschmiert werden und oft lange Zeit herumliegen wie der Murbacher Plinius oder wie jener durch Reuchlin und Erasmus benützte Band der Basler Dominikaner, der später durch Hieronymus Froben an den Pfalzgrafen Otto Heinrich verschenkt wird.

Den editionslustigen Humanisten bieten sich schon in Basel selbst Schatzkammern, unter ihnen an erster Stelle die Dominikanerbibliothek. Deren Stolz und Glanz sind die Griechen, die einst Johann von Ragusa ihr gebracht hat; seit Reuchlins Jugendjahren das Ziel mancher Gelehrtenwallfahrt. Diese kostbaren Codices dienen dem Martin Waldseemüller, dem Erasmus, dem Rhenan, dem Johann Döring, dem Wilibald Pirkheimer; eine Chrysostomus-Handschrift wandert mit Capito nach Mainz, dann zu Ökolampad auf die Ebernburg und ist erst 1527 wieder in ihrer Heimat; zwei andere Handschriften, ein Neues Testament und ein Athanasius u. A., sind dem Reuchlin geliehen worden und kehren erst einige Jahrzehnte später, nach Reuchlins Tod, auf die Gestelle zurück.

Andere oberrheinische Klöster sind schon zu Johann Amerbachs Zeiten tributpflichtig gemacht worden; für die Hieronymusausgabe liefert z. B. Mehrerau eine Handschrift; namentlich aber kommt jetzt Murbach zu neuem Ruhme seiner ehrwürdigen Büchersammlung. Rhenan entdeckt dort um 1515 den Vellejus Paterculus, kurz darauf Hieronymus Baldung das Breviarium Alarici und die Institutionen des Gajus. Von den verschiedensten Orten her holt sich Rhenan die Codices zur Edition. Erasmus bezieht solche aus Gembloux, Cantiuncula aus Metz usw.

Aber auch einzelne Gelehrte haben das Glück, Handschriften zu besitzen. So, wie wir schon wissen, der Colmarer Dekan Carpentarii. Erasmus selbst hat in seiner Bibliothek einen Sueton, der aus dem Martinskloster zu Tournay stammt; er schenkt ihn später dem Glarean. Bonifaz Amerbach besitzt griechische Handschriften, der Chorherr Diebold Oeglin zu St. Peter

Empfohlene Zitierweise:
Rudolf Wackernagel: Geschichte der Stadt Basel. Dritter Band. Helbing & Lichtenhahn, Basel 1924, Seite 213. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Wackernagel_Geschichte_der_Stadt_Basel_Band_3.pdf/234&oldid=3403141 (Version vom 1.8.2018)