Seite:Wilhelm Löhes Leben Band 1 (2. Auflage).pdf/27

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die Leichenkutsche schon vor der Thüre. Der Sarg stand quer in den Schlagfenstern der Kutsche, das Leichentuch war drüber, die Glocken läuteten und ich konnte nur nachsehen.

 Als mein Bruder Max noch klein war, hatte er lange Zeit gar kein Haar. Schon das war besonders, man sah desto mehr auf ihn, und nun wurde er krank, todtkrank. Der Arzt kam, gab ihn auf und setzte ihm das Ende. Der Knabe lag im Sterben. Da sagte meine Mutter zu meiner Schwester Doris: „Geh, Mädchen, zeig dem Wilhelm die Laubhütten.“ Die Juden hatten Laubhüttenfest, und dies Fest war mir immer heimathlich. Wir giengen. Als wir wiederkamen, war Max besser. Meiner Mutter war Perlwasser eingefallen, das gab sie ihm und das Leben kehrte wieder.

 Im Jahre 1816 sandte die Stadt eine Deputation nach München zum König in Angelegenheiten des Rednitzflusses und seiner Benützung, wenn ich mich recht entsinne, zur Flößerei. Mein Vater that alles für die Stadt, aber er reiste nicht gerne, und doch war kein Entrinnen, er mußte nach München reisen. Bald nach seiner Heimkunft von dem guten König Max ließ sichs an, als wollte der Vater kranken. Zahnweh – von den Zähnen zum Ohr – von da ins Haupt, so gieng die Krankheit. Anfangs war mein Vater, wie gewöhnlich, munter; bald jammerte er; endlich hörten wir Tage lang nur: „Jesus, Jesus“; zuletzt kam es zum Verstummen, stummes, tiefes Weh umfieng ihn. Es gab keine Rettung. Er starb an Hirnbrand am 28. October Vormittags um 11 Uhr.

 Ich hatte es geahnt. Es war herkömmlich, daß die Familie am letzten Abend des Jahrs zusammensaß und daß jedes von den Kindern alsdann in auswendig gelernter Rede den Eltern einen Neujahrswunsch für das neue Jahr vortrug, das morgen kam. Dann bekam jedes einen Nürnberger