Seite:Wilhelm Löhes Leben Band 1 (2. Auflage).pdf/46

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bestellt. Als er einmal dem Lector, der zum Morgengebet ein schlechtes Lied las, mit einem heftigen „Schweigen Sie“ in die Rede fiel, in seine Stube gieng und ein gutes altes Lied brachte, war meine Liebe zu den alten Liedern entschieden. Kurz, er hatte den bestimmtesten Einfluß. Wäre er noch während meiner Schulzeit dazu gekommen, mir das süße Evangelium recht einfach zu predigen, ich wäre meinem HErrn und Heiland entgegengeflogen. Das war aber damals noch nicht, scheint es, seine Stufe, und überhaupt nicht seine Art.

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 Er wußte wohl, daß ich ein schüchterner, einsamer Mensch war, und konnte doch auch wieder manches Andere damit nicht zusammenreimen. Die ganze Natur in mir bäumte sich wider das Wörtchen „Muß“, ich trug den Schulzwang mit Unwillen, auch war ich innerlich in viel Versuchung und hatte Vieles zu beweinen, was meinem Streben, das ich im Ganzen hatte, widersprach, – Unlust am Befehl und der Kummer eines angefochtenen, umnachteten Gemüthes gaben meinem Benehmen in der Schule etwas Sclavisches und Gedrücktes, das mein Lehrer gerne gehoben hätte. Er kannte die Wurzel nicht. Er suchte meine Selbstständigkeit zu heben, meine Wirkung auf andere hervorzurufen, und da ich einsam blieb, ein Fremdling unter meinen Mitschülern, nicht einmal auf Du und Du mit ihnen, von ihnen gescheut, bemißtraut, mißfällig angeschaut etc.; so kam er auf die Befürchtung, ich möchte ein „Stubengelehrter im engsten Sinne“[1]


  1.  Diese Befürchtung sprach Rector Roth in dem Zeugnis aus, welches er Löhe beim Abgang vom Gymnasium ertheilte. Es sei hier mitgetheilt.
     „Ist ein Jüngling von großer Ausdauer in allen Arbeiten und von einem durchaus redlichen und festen Willen für das Gute beseelt. Hiedurch hat er seine vielen Fähigkeiten vorzüglich ausgebildet, und in allen Lehrfächern einen trefflichen Erfolg errungen, mit Ausnahme der Mathematik, in welcher sein Fortgang nur das Prädicat „gut“ erhalten hat. Er verläßt die Anstalt [37]