Seite:Zürcher Diskußjonen (18–19) 004.jpg

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Aber nein! Dergleichen existirt. Wirklich war ich in eine ganz merkwürdige, ganz abnormale Gegend gekommen, wo es keine Strafgesezbücher zu geben schien, oder dieselben den Spazen und Finken zum Nesterbau überlaßen wurden. Wirklich tauchten hier ganz seltsame – dieses Wort gebrauche ich in meinen kritischen Schriften nie! – ganz seltsame Blumenformen und wunderliche Gesteinsmaßen auf. Die Wegweiser wurden anders, nahmen höhnische oder vertrakte Formen, Grimaßen und Embleme, Boksfüße und Pansköpfe, in ihre Devisen auf, deuteten alle in einer Richtung, die Schweizer Verordnungen verschwanden auf den Wegtafeln, Blumen und Gräser lachten mich mit einer sicheren, stichelnden Lustbarkeit an, nirgends ein Schandarm, nirgends ein Feldhüter, kein Untersuchungsrichter, kein Staatsanwalt, die Welt schien wie umgewandelt, heitere Züge von lakrotfüßigen[WS 1] Störchen zogen durch die Luft und in der Ferne erglänzte ein schönes Schloß:

„Da droben auf hohem Berge,
da steht ein feines Haus,
da schauen des Abends und Morgens
drei schöne Jungfern heraus.
 *
„Die Eine, die heißet Susanne,
die Andere Anna-Marein,
die Dritte, die will ich mir nehmen ....“

Aber nicht nur die Natur hatte sich verändert, mir selbst wurde ganz jugendlich, ganz leichtfertig zu Mut, die Furcht vor dem Preßgesez, die Angst vor Majestätsbeleidigungen, vor Gedanken-Sünden, und besonders die Furcht vor der Sünde wider den heiligen Geist, waren verschwunden, ich fühlte mein Herz wieder froher schlagen, hatte wieder gesunde, muntere Einfälle, glükliche Ideen, mir wurde ganz leicht, tänzelnd glitt ich über den Boden, ich fühlte mich frei wie ein Vogel, ja, ganz vogelfrei .....

Hier muß ich eine kleine Bemerkung, eine kleine staatsrechtliche Erwägung, einschieben, welche vielleicht zur Erklärung dieser merkwürdigen Gegend und meines noch merkwürdigeren Zustandes beitragen kann. Ich hatte nämlich vor geraumer Zeit mein deutsches Staatsbürger-Recht aufgegeben, und das Schweizerische noch nicht erworben; ich war also weder Deutscher noch Schweizer, weder Baier noch Franzos, ich war nichts, rein nichts, gar nichts, absolument rien! also vogelfrei. – Vielleicht merkten diese Störche und diese Wolken, diese Blumen und diese Bäume meinen Zustand, und illuminirten und verzauberten aus närrischer Freude über diese ungeheure Seltenheit die Gegend und mich selber, und gaben mir diese federleichten Gedanken, diese tüchtigen Illusionismen ein. – Wenn der Leser etwa ebenfalls dieser Ansicht ist, und etwa meine dichterischen Kollegen in Berlin der Meinung sein solten, daß eine derartige, zeitweilige Aenderung des Geistes ein Vorteil für das dichterische Gemüt ist, dann möchte ich ihnen ebenfalls raten, ihr deutsches Staatsbürgerrecht aufzugeben, ihr Deutschtum hinter sich zu lassen, bevor ihnen das Polizeiregiment den lezten Hirnsaft auspreßt, das Majestätsfeuer ihre lezte Herzensfaser ausdört und die Anwendung des Preßgesezes ihnen den letzten Schädelknochen auseinandertreibt, und hieher an die Schweizer-Grenze zu kommen, und eine Zeit lang lieber „Nichts“ zu sein, als in diesem Staate Etwas, und in Frau „Vreneli’s Gärtli“ die kommenden Schreken einer trostlosen, jammervollen Reakzjon zu verschlafen.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. lack-rot
Empfohlene Zitierweise:
Oskar Panizza u. a.: Zürcher Diskußjonen. Zürich, Paris: , 1897–1900, Seite 4. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Z%C3%BCrcher_Disku%C3%9Fjonen_(18%E2%80%9319)_004.jpg&oldid=2894030 (Version vom 18.8.2016)