Seite:Zürcher Diskußjonen (18–19) 011.jpg

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Aber jezt schien sie mir doch stark und innerlich bewegt. Lange ruhte ihr dunkles Auge auf meinen Zügen. Dann öfnete sie mit süßem Liebreiz ihre Lippen und indem ihre weiße Hand schmeichelnd mein Kinn berührte, so wie Athene es bei Zeus zu tun gewohnt war, sagte sie:

„Wänd Sie jezt no äs Bizzeli Chrüterchäs? ....“

Ach nein, Süßeste – sagte ich – nicht gerade jezt, es paßt jezt wirklich nicht .... das heißt: wenn Du ihn gerade da hast, und es gehört das zu Euren arkadischen Gebräuchen – und wenn Du ihn mit Deinen weißen, zierlichen Händen zurechtrichten und mir in den Mund stopfen wilst, dann mag es geschehen .... ich denke, ich folge Dir in Allem, denn ich bin ja nur ein armer Sterblicher, Du aber die Himmel-Entsproßene, Götliche, Unvergleichliche Tochter des Zeus! ....

„Jä sicherli au! .... nehmetsi das nu! .... das gid wieder an frische Durscht ....“

Und wieder wandelte die Samt-Rok-Umfloßene dahin, und der Sand knirschte unter den schwarz-lakirten Lederschuhen, und die Falbeln schlugen an die blütenweißen Strümpfe, die jezt bei annähernder Dämmerung weißer und verführerischer leuchteten .... Doch, wie von einem neuen Gedanken geleitet, kam sie zurük, nahm die Literflasche und ließ neuerdings ihr Sammet-Auge auf mir ruhen:

„Und was trinkt jezt der Herr für en Wii? – Blibetsi bi dem – oder wändsi jezt än liechte – villicht än Stadtberger 95er – ja dä ischt ja eusre bescht! ....“

Ich war betroffen. Wirklich hatten wir den Liter schon wieder ausgetrunken. Die Weine waren gut, das war kein Zweifel – auch kein Wunder! – denn wo solte man beßeren Wein bekommen, als im Venusberg? – ich dachte es innerlich, ich sagte es nicht laut – obzwar der Weingenuß mit dem Liebesgenuß nicht harmonirt! – Ich überlegte. – Hatte ich wirklich all’ diesen Wein ausgetrunken? – Mein Kopf war frei, mein Sinn munter. – Ich sah Venus an: da stand sie, diese berükende Gestalt, mit den prachtvollen Schultern, den köstlichen Brüsten, über denen ein junger siegessicherer Kopf tronte, Alles in kirsch-blüten-weißen Duft gehült, und von weißen Silberketten überrieselt. So stand sie und blikte auf mich Muskellahmen, Verbitterten und Zerknirschten herunter; und in ihrem Blike lag: Wilst Du jezt noch am Schluße zögern und nicht auch den lezten Schritt wagen? Mich bekomst Du nur so, wie ich will. Wilst Du erobern, dann kenne auch die Künste des Eroberers, und laß die Minen[WS 1] springen. Schon senkt sich Sol, und Selene mit ihrer Silbersichel lauscht in’s Tal. Oben liegen die weißen Linnen gebreitet. Das vorspringende Dach schüzt vor jedem Späher und die Bergschatten umhüllen Dich in geruhsame Nacht .... ob Du Stadtberger tränkest, war meine Frage ....

Ja, beim Henker! Du Liebliche – rief ich – hole den Wein und den Käs, wie Du vorgeschlagen – nimm auch etwas würziges Brod hinzu – und bleib mir nicht zu lange ! ....

Jezt ging sie, stolz und befriedigt, und sicher wie eine Göttin, die gewöhnt ist, keine abschlägige Antwort zu erhalten, sondern den Sterblichen zu befehlen ....

Kühler Abendwind kam jezt aus der Richtung, aus der ich am Morgen gekommen, und die Sonne kroch langsam über die Wipfel. Von der Ferne hörte man das lange „Muh!“ der heimtreibenden Kühe. Ein diker Mantel violetter Schatten legte sich auf die Wiesen, und das „Zßt!“ – „Zßt!“ der Zikaden klang jezt spärlicher aber um so schärfer. Eine unendliche Ruhe lagerte sich breit über das ganze Tal. Das Haus wie ein Glükswurf auf

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Mine: altgriechische Münze
Empfohlene Zitierweise:
Oskar Panizza u. a.: Zürcher Diskußjonen. Zürich, Paris: , 1897–1900, Seite 11. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Z%C3%BCrcher_Disku%C3%9Fjonen_(18%E2%80%9319)_011.jpg&oldid=2894037 (Version vom 18.8.2016)