Selbstaufopferung

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Autor: L. St.
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Titel: Selbstaufopferung
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 47 und 48, S. 509-511 und 521-523
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[509]

Selbstaufopferung.

Lebensskizze.

An einigen bestimmten Nachmittagen pflegte ich das Feldschlößchen, einen Vergnügungsort unfern der Stadt, in welcher ich mich eben aufhielt, zu besuchen, und traf dort in der Regel mit einer kleinen auserlesenen Gesellschaft zusammen, welche sich allmälig aneinander gewöhnt hatte. Zu ihr gehörte auch ein Miniaturportraitmaler, nicht nur als Künstler, sondern auch überhaupt als Mensch von hoher Genialität, aber auch so schroffer Eigenthümlichkeit, daß man ihn erst näher kennen lernen mußte, um Geschmack an ihm zu finden. Hatte man dieses Stadium des Umgangs mit ihm überwunden, so konnte man ihn liebgewinnen. Nie habe ich einen Menschen gefunden, der weniger Umstände gemacht hätte; er war ein natürlicher Feind aller Formen und Redensarten und hielt von den Menschen der heutigen Gesellschaft gar nichts. Dies war auch der Grund, weshalb er unverheirathet geblieben war; sein einsames Junggesellenleben hatte aber seine Ecken nur noch schärfer ausgebildet. Ueberdies verdankte er Niemandem etwas; von einem armen Bäckergesellen hatte er sich durch eigene Kraft zu einem sehr geschickten und geschätzten Künstler emporgearbeitet; er hatte nie eine Stunde Unterricht im Zeichnen oder Malen gehabt. Es wurde ihm nicht leicht, sich an einen Menschen innig anzuschließen; hatte er aber diese Schwierigkeit besiegt, dann hing er dem Freunde um so fester und treuer an. Ich hatte das Glück, seine Zuneigung im hohen Grade zu besitzen. Er hieß Wilhelm Schmidt, und in unserm kleinen Vaterlande werden sich Viele des originellen trocknen und barocken Mannes erinnern. Er ist in Armuth und Elend in einem Armenhause des Staats gestorben.

An jenem Tage traf ich ihn allein von unserer Gesellschaft im Garten des Feldschlößchens. Unfern von uns saß ein junges hübsches Ehepaar. Der Mann war Lehrer am Gymnasium, die Frau Tochter eines gutbemittelten Kaufmanns. Man sah es den Leutchen an, daß sie „etwas hatten“ und sich dabei wohlbefanden. Vorzüglich entfaltete der „Herr Doctor“ eine etwas auffallende Behäbigkeit; er war bis zu seiner Hochzeit ein ganz armer Schlucker gewesen.

Der Maler Schmidt hatte die Gabe, an jedem Menschen sogleich das Lächerliche herauszufinden; er traf die Leute nicht nur mit dem Pinsel überraschend [510] gut, er traf sie eben so mit dem scharfen Worte. In demselben Verhältniß wie er als Maler Psycholog war, war er als Psycholog Maler. So faßte er denn jetzt auch den Doctor auf’s Korn und gab mir dann ein köstliches humoristisches Bild von ihm. Bei dieser Gelegenheit erkundigte er sich, aus welchem Hause die Frau Doctorin stamme. Kaum aber hatte ich den Kaufmann Rommel als den Vater derselben genannt, als Schmidt ungewöhnlich ernst wurde.

„Großer Gott!“ sagte er endlich mit einer an ihm ungewohnten Wehmuth, „weder dieser junge eitle Mann mit seinem auf den Geldsack seines Schwiegervaters basirten Begriff von seiner hohen Wichtigkeit, noch seine gute zimpferliche Frau ahnten, woher die klingende Basis ihres Wohlgefühls stammt! Kennten sie die Geschichte ihres Geldes wie ich, sie würden sich wahrscheinlich etwas weniger behaglich fühlen und dem Manne, dessen ungeheurer Selbstaufopferung sie es verdanken und an den sie vielleicht nie denken, eine Thräne des Schmerzes und der Bewunderung weinen. Aber so ist das Schicksal, ein wahres blindes unverständiges Fatum! Wem ist denn nun das furchtbare Opfer, der schauerliche, ein ganzes Jahr dauernde, stille, freiwillige Todeskampf eines der edelsten und besten Menschen zu gut gekommen? Dort diesem jungen Narrenvolk! Der Mensch macht zuweilen Anstrengungen als müsse er Berge versetzen, und der Erfolg ist, daß ein Anderer ihm Unbekannter oder Gleichgültiger mit Wohlbehagen seine Havannah zur Tasse Mokka raucht.“

„Woher kommen Dir plötzlich diese trübseligen Gedanken?“ fragte ich mit Theilnahme.

„Ich bin durch das junge glückliche Ehepaar an eine sehr tragische Geschichte erinnert worden, die Niemand weiter als ich in ihrem innern Zusammenhange kennt, und an einen edlen, hochherzigen jungen Mann, den ich sehr liebte, und dessen ganzen Werth ich auch allein nur kannte.“

„Darfst Du mir die Geschichte mittheilen?“

„Warum nicht? Der Mann, den sie betrifft, schläft schon lange den eisernen Todesschlaf, und Du wirst keinen unedlen Gehrauch davon machen.“

Wir setzten uns in eine abgelegene Partie des Gartens und er erzählte:

„Im soldatischen Felddienst unserer Friedenszeit lernte ich einen jungen Mann aus E. kennen, der als Freiwilliger zu meinem Regimente gestellt worden war. Er hieß Rommel, war Kaufmann und der Sohn eines dortigen Handlungshauses und einer der schönsten und liebenswürdigsten Männer, die ich jemals kennen gelernt habe. Was aber noch mehr war, er besaß einen festen unbeugsamen Charakter; wozu er sich entschlossen, wofür er sich entschieden hatte, davon war er durch nichts abzubringen; mit stiller eiserner Beharrlichkeit setzte er es durch, wenn nur irgend eine Möglichkeit dazu vorhanden war. Diese Eigenschaft machte ihn nach der einen Seite hin treu und unwandelbar in der Freundschaft, pünktlich und ausdauernd im Dienst und erwarb ihm die Achtung Aller, die ihn kannten, namentlich seiner Vorgesetzten, und er avancirte deshalb schnell genug zum Feldwebel; nach der andern Seite hin gab sie seinem Wesen zuweilen etwas Starres, Bitteres und Unzugängliches, und leichtsinnige, fröhliche Bursche, wie ja die meisten Soldaten sind, fühlten sich eben nicht von ihm angezogen. Auch mied er ihre Gelage und beschäftigte sich lieber mit großem Fleiße mit ernsten Studien und wissenschaftlicher Lectüre. In meinem Wesen mußte etwas ihn Ansprechendes liegen, so wie mir das seinige gefiel; wir wurden bald Umgangsfreunde, dann Herzensfreunde, ja wir liebten uns endlich, wie sich junge Männer in der Regel nicht zu lieben pflegen und wurden im Laufe der Zeit einander ganz unentbehrlich. Inzwischen bemerkte ich doch bald die Verschiedenheit zwischen uns beiden. Rudolf Rommel war zwar ein sehr tüchtiger Mensch und ehrenwerther Charakter, aber er war auch ein romantischer, in vielen Beziehungen überspannter Kopf und in manchen sogar ein Schwärmer. So beobachtete er im Umgange mit dem schönen Geschlechte eine gewisse Ritterlichkeit, die zuweilen an’s Lächerliche streifte, und vergötterte eine junge Dame seiner Vaterstadt als das Ideal von Tugend und Schönheit, dem in seiner Meinung jedes andere weibliche Wesen weit nachstand. Er verehrte diese seine Geliebte mit solcher Schwärmerei, daß er es sich für eine große Sünde angerechnet haben würde, auch nur mit einer Andern zu tanzen. Und doch gestand er mir, daß die Dame seines Herzens nicht seine Verlobte sei, daß überhaupt eine Liebeserklärung zwischen ihm und ihr nicht stattgefunden habe. Es wollte mich überhaupt aus seinen begeisterten und überschwenglichen Schilderungen bedünken, als kenne er das Mädchen gar nicht recht und schiebe ihrer körperlichen Gestalt eine geistige und seelische Vollkommenheit unter, die sie in der Wirklichkeit wohl schwerlich besitzen möchte. Selten verging ein Tag, wo er nicht in eine Art dithyrambischen Wahnsinns zu ihrem Preis ausbrach. Ein zweites Steckenpferd seiner romantischen Anschauungen war die deutsche Freiheit. Ich will nicht erörtern was er darunter verstand, aber ein wunderliches Ding war es jedenfalls, um so befremdender, als die Zeit des jugendlichen Paroxismus von 1817 weit hinter uns lag, und jeder klare vernünftige Mensch ein Urtheil über die öffentlichen Dinge unseres Vaterlandes haben konnte. Er sprach aber das Wort: „der König“, nie anders aus als mit einem gewissen ehrfurchtsvollen Schauer. Die Ideen des Königthums und der deutschen Freiheit schmolzen in ihm ganz zu einer zusammen, und sie bildete die Basis seines glühenden Patriotismus.

„Der dritte Gegenstand seiner etwas geräuschvollen und wortreichen Begeisterung war die christliche Religion, oder, um es genauer zu bezeichnen, die katholische Kirche. Obgleich als Protestant geboren und erzogen, hatte er doch als Jüngling in dem glänzenden Ritus der katholischen Kirche, wie ihn der zahlreiche Clerus seiner Vaterstadt beging, allein Befriedigung seines religiösen Bedürfnisses gefunden. Dennoch beabsichtigte er keinen Uebertritt. So bildeten denn Religion, Vaterland, Liebe, in brillanter romantischer Färbung und mit einer strahlenden Glorie umgeben die Trias, in welcher sein seelisches Leben vollkommen aufging. Damit war natürlich der mittelalterliche Ritter so ziemlich fertig. Alles, was sich nicht auf die Verherrlichung [511] dieser drei vereinten Ideen bezog, existirte für ihn gar nicht. Die Richtungen und Anschauungen der Neuzeit waren ihm unaussprechlich zuwider; aus ihrer Pflege prophezeite er das größte Unglück für Familie und Staat. Für seinen Gott, seinen König und seine Geliebte war er aber jeden Augenblick bereit, in den Tod zu gehen.

„So abweichend meine ruhigen und besonnenen Ansichten von seinen exaltirten waren, so unterließ ich es doch mit ihm darüber zu streiten und liebte ihn wegen seiner trefflichen Eigenschaften eben so innig, wie ich von ihm geliebt wurde.

„Nach Ablauf unserer Dienstzeit vermochte mich Rommel, mich in seine Vaterstadt behufs der Ausübung meiner Kunst zu begeben, und ich lernte nun seine Familie, seine Geliebte, seine Freunde kennen und malte auf seine Empfehlung die meisten dieser Personen.

„Seine Familie bestand aus dem Vater, einem gutmüthigen aber charakterschwachen Manne, auf welchen das gewöhnliche gesellschaftliche Leben eines Kaffeehauses einen unwiderstehlichen Reiz ausübte. Seine Umgangs- und Spielfreunde, seine Partie Whist, das Billard und die Kegelbahn, sein Glas Lagerbier, seine Pfeife Kanaster, seine Zeitung, ein Ausflug mit den Freunden auf’s Land, wo sie dieselben Vergnügungen fanden, eine Kirmeß und dergleichen waren seine Welt, in welcher er sich sehr wohl und glücklich fühlte. Um vier Uhr Nachmittags hätte ihn keine Macht der Erde in seinem Hause zurück halten können. Die Mutter war schon geraume Zeit todt; der lebensfrohe Wittwer vermißte sie nicht. Das Geschäft, Landesproduktenhandlung mit Material-Detailverkauf überließ er seinen beiden Söhnen und einem Commis, Namens Veit. Die erwachsene Tochter führte das Hauswesen. Rudolf war der Jüngere der beiden Brüder; der andere um fast zwei Jahre ältere Bruder Friedrich, ein eben so schöner stattlicher Mann, ja noch um einige Zoll größer als Rudolf, und da er unter der Cavallerie gedient hatte, so trug er sich in jener stolzen, imponirenden Haltung, welche meist den graduirten Soldaten dieser Gattung eigen zu sein pflegt; hinsichtlich seines Gemüthslebens war er aber das Gegentheil des jüngern Bruders. Friedrich, durch und durch nüchterner Verstandesmensch und praktischer Geschäftsmann, konnte natürlicher Weise den Phantastereien Rudolf’s keinen Geschmack abgewinnen, und Dieser fühlte sich oft von Jenem verletzt, was bei ihrem täglichen und stündlichen Zusammenwirken in demselben Geschäfte, in dessen regelrechtem und förderlichem Betrieb der Aeltere den Jüngern weit übersah, gar nicht anders möglich war. Eben so wenig konnte sich Rudolf mit dem Commis Veit, dem Verlobten seiner Schwester Eulalie, vertragen. Veit, ein stiller, thätiger Mensch, von etwas finsterer Gemüthsart, mißtrauisch und mit Dingen, die über seinem sehr beschränkten Kaufmanns- oder vielmehr Krämerhorizonte lagen, sich auch nicht im Mindesten befassend, hatte nicht das geringste Verständniß von Rudolf's Wesen und hielt ihn für einen completen Narren. Die Schwester Eulalie war auch nichts weiter als ein ordinäres Schablonengeschöpf, ein Dutzend-Frauenzimmerchen mit einer leidlichen Taille und einem hübschen Gesichtchen, ein klein wenig Sentimentalität, was man von dieser verdächtigen Waare so in’s Haus braucht, übrigens eine gute Wirthschafterin und für Herrn Veit wie geschaffen. Der Vater verstand den jüngern Sohn eben so wenig; der immer heitere und zerstreute Mann hatte gar keine Ahnung davon, was in Rudolf’s Seele war. So stand der Arme mit seinem schönen Herzen, voll der tiefsten Gefühle, allein im elterlichen Hause, und wurde von Allen mit einer gewissen plumpen und bittern Ironie als die Bête–noire desselben behandelt. Und wie weit höher stand er über Allen, selbst hinsichtlich des Verstandes. Wenn nun Rudolf’s Geliebte ihn für diese Verluste entschädigt hätte oder überhaupt hätte entschädigen können, so wäre er immer noch glücklich zu preisen gewesen. Aber in Bezug auf diese junge Dame lebte er in einem großen und schier unbegreiflichen Irrthum. Was er für Gefühlsinnigkeit an ihr hielt, war – Gleichgültigkeit, was ihm als Charakterstärke erschien, war – der Trotz der Beschränktheit. Während ich das Mädchen malte (sie war die Tochter eines Kaufmanns und hieß Louise Bernigau), lernte ich sie vollkommen kennen. Hübsch war sie allerdings, man konnte sie in mancher Beziehung eine hohe Schönheit nennen; nie sah ich z. B. ein herrlicheres blondes Haar, aber dieser Form fehlte der entsprechende geistige Inhalt. Dann und wann dämmerte eine Ahnung von der wahren Beschaffenheit Louisens in Rudolf’s Seele, aber er räsonnirte sie sogleich hinweg und schraubte sich in seine romantische Exaltation hinauf. Ich sah ein, es war ihm durchaus nicht zu helfen. Die Augen dieser Romantiker müssen eben anders gebaut sein als die unsrigen; sie sehen Alles in einem weit schönern oder weit häßlichern Lichte, als wir. Ich verließ nicht ohne Besorgniß für Rudolf nach einem halben Jahre E., denn meine Kunst mußte nach Brot gehen. – Während eines ganzen Jahres erfuhr ich nichts von meinem Freunde. Wir schrieben uns nicht.

[521] „Auf einer Durchreise in meine Heimath suchte ich das Rommel’sche Haus auf. Rudolf’s Aussehen erschreckte mich in der tiefsten Seele. Er war gebrochen. Seine hohe kräftige Gestalt erschien mir wie innerlich zusammengestürzt. Die Spannung und bläuliche Blässe in seinen Zügen war mir wahrhaft peinlich, und den unheimlichen Glanz seines Auges ertrug ich kaum. Er hatte das Ansehen eines Mannes, der sich aus moralischer Verzweiflung dem Trunke ergeben hat und täglich eine größere Quantität starker Spirituosen zu sich nimmt. Inzwischen versicherten mich sein Bruder, wie Veit, die ich einzeln über Rudolfs auffallende Veränderung befragte, daß er außerordentlich mäßig lebe und nie einen Tropfen geistige Getränke zu sich nähme.

„Mit schmerzlicher Wehmuth saß ich mit ihm auf seinem Zimmer auf dem Sopha. Auf mein Befragen nach seinem Befinden hatte er mir geantwortet: er habe sich noch nie wohler befunden als jetzt. Das schnitt mir in die Seele. Nach einem kurzen gleichgültigen Gespräch sagte er plötzlich: „Ich will Dich mit einer Neuigkeit überraschen, wenn Du sie nicht schon weißt. Mein Bruder hat sich mit Louise Bernigau verlobt. Er und meine Schwester werden zusammen zu Ostern nächstes Jahr Hochzeit machen.“

„Ich habe das fast vorausgesehen,“ versetzte ich, eigentlich froh über die Nachricht.

„Ich nicht,“ sagte er schmerzlich lächelnd. „Ich bin sehr kurzsichtig.“

„Glaube mir, Rudolf, das Mädchen paßt zu Deinem Bruder. Zu Dir nicht. Ihn wird sie glücklich machen. Du hättest unmöglich glücklich mit ihr leben können.“

„Lassen wir das. Es ist ja gut so.“

„Du mußt Dich aus dieser weinerlichen, entnervenden, eines Mannes so unwürdigen Stimmung herausreißen, Rudolf. Du thätest am besten, das elterliche Haus und die Vaterstadt ganz zu verlassen.“

„Das will ich auch. Ich stehe im Begriff, Alles aufzugeben, selbst die Kaufmannschaft. Ich habe endlich [522] eingesehen, daß ich nicht dazu passe. Du weißt, daß der Professor Transdorf hier eine Lehranstalt für Chemie hat. Diese besuche ich schon seit einem halben Jahre und werde den ganzen Cursus durchmachen. Dann will ich eine große Reise machen und nicht wieder zurückkehren.“

„Das ist ein herrlicher Entschluß von Dir, weshalb ich Dich sehr loben muß,“ versetzte ich aufrichtig erfreut und ohne die mindeste Ahnung, welchen geheimen Sinn er mit seinen Worten verbunden hatte. „Nicht wahr?!“ lachte er, aber es war kein Frohsinn in diesem Lachen. – Ich verließ ihn zwar bekümmert, aber ich hoffte von der Ausführung seines Entschlusses, wie ich ihn natürlich dem Wortlaute nach verstanden hatte, und von seiner Jugend alles Gute für ihn.

„Zum Frühjahre erhielt ich eine Einladung nach E. und für eine lange Zeit die Zusage lohnender Beschäftigung.

„Mein erster Besuch galt wieder dem Rommel’schen Hause. Im Laden war Veit, und als ich nach Rudolf fragte, antwortete er: „Sie finden ihn auf seiner Stube,“ machte aber dazu ein Gesicht und eine Handbewegung, die mich nichts Gutes erwarten ließen.

„Rudolf’s Anblick war wirklich entsetzlich. Ganz abgezehrt, war die Haut straff und glänzend und von ganz fahler Farbe über die stark hervorstehenden Backenknochen gespannt. Nie hab' ich etwas Grausigeres gesehen, als den Glanz seines tief eingesunkenen Auges. Er war so schwach, daß er mir kaum noch entgegen schleichen konnte; seine knöcherne Hand war kalt und klebrig, und seine Stimme matt und hohl, als er mich willkommen hieß.

„Rudolf!“ rief ich und hatte Mühe, einen Thränenstrom zurück zu halten. „Um Gott, Freund! was ist das mit Dir?“

„Der Tod!“ hauchte er freundlich lächelnd, gleichsam schon verklärt. „Es ist mir eine große Freude, daß Du wieder hierher gekommen bist. Ich habe Dich mit Sehnsucht erwartet. Du wirst mir noch einige Abende schenken, eh' ich aus dem Leben scheide. Ich muß Dir durchaus ein Geheimniß anvertrauen. Ich kann’s Niemandem weiter als Dir. Wir wollen noch ein paar Tage recht glücklich zusammen sein.“

„Er war wirklich heiter und zufrieden, und mein Schmerz über seinen bevorstehenden Verlust wurde dadurch milder. Ich mußte ihm versprechen, den Abend bei ihm zuzubringen und ging. Sein Aussehen machte mir viel Bedenken. Das war doch keine gewöhnliche Abzehrung oder Lungensucht. Er hatte weder über Husten, noch Auswurf geklagt; keins der gewöhnlichen Symptome zeigte sich an ihm. Das Räthsel sollte sich mir bald genug lösen.

„Als ich Abends wieder in sein Zimmer trat, war es mit einigen Blumenstöcken in Aschen, Teppichen und dergleichen geschmückt; er selbst in einer feierlichen und getragenen Stimmung. Die Theemaschine sang auf dem Nebentische; Havannah's lockten auf einem Teller. Rudolf verschloß die Thür und setzte sich dann zu mir auf das Sopha.

„Ich kann nicht sterben, lieber Schmidt,“ begann er mit einer heiser flüsternden Stimme, die mich erbeben machte, „ohne Dir vorher mein Herz aufgeschlossen zu haben. Du wirst das, was ich Dir entdecken muß, so lange als Geheimniß bewahren, bis die Mittheilung Niemandem mehr schadet, und auch dann noch wirst Du vorsichtig damit sein.“

„Ich gab ihm Hand und Wort darauf.

„Liebes Bruderherz,“ begann er, „ich liebte Louisen schwärmerisch mit der heiligsten Geschlechtsliebe – ach! diese Liebe hat sich zur Leidenschaft gesteigert, seit sie meines Bruders Braut ist; ich liebte meinen Vater und meine Geschwister eben so schwärmerisch mit ächter treuer Kindes- und Bruderliebe; aber meine Liebe wurde nicht verstanden und nicht erwiedert, hier nicht und dort nicht. Zwei unselige Entdeckungen machte ich fast zu gleicher Zeit, nämlich daß Louise meinen Bruder liebte und von ihm geliebt wurde und daß unser Haus dem Bankrott entgegen ging. Wir waren bei Weitem nicht so gut situirt als die Welt glaubte und Verluste und unglückliche Spekulationen brachten uns an den Abgrund des Verderbens. Mein alter Vater durfte davon um keinen Preis der Welt etwas merken. Aber desto schrecklicher mußte der Schlag für ihn sein, wenn ihm der Bruch nicht mehr verborgen bleiben konnte. Aber noch schlimmer: mit dem Bankrott hätte Fritz die Braut und Eulalie den Bräutigam verloren. Ich kenne Louisens Vater zu gut, als daß ich nicht wissen sollte, er werde seine Tochter nimmermehr dem Sohne eines fallirten Hauses geben, und Veit ist ein viel zu gemeiner Mensch, als daß er ein armes Mädchen beirathen sollte. Ich habe diesen widerwärtigen Gesellen nie leiden können, aber meine eigenthümliche Natur hat mich stets angetrieben, ihm Gutes zu thun, Wohlthaten zu erweisen. Ich erkannte es sogleich als meine Lebensaufgabe, schnell unser Haus zu retten, meinen Vater seinem glücklichen sorglosen Leben zu erhalten, meinen Bruder Fritz und meine geliebte Louise, sowie meine Schwester Eulalie und Veit glücklich zu machen, und damit so still als möglich aus diesem Hause zu scheiden und den zurückbleibenden Gliedern desselben in keinerlei Weise ahnen zu lassen, was ich für sie gethan. Ich hatte mir früher einmal ein kleines Kapital erworben, von dem die Meinigen nichts wußten. Dieses wandte ich jetzt dazu an, mich heimlich mit der höchsten Versicherungssumme in eine der größten Londoner Lebensversicherungsbanken zu kaufen. Bei meiner so sehr in die Augen fallenden gesunden Complexion hatte meine Aufnahme keine Schwierigkeiten. Sobald ich die Police in der Hand hatte, erklärte ich meinen Angehörigen, den Cursus der Chemie bei Professor Transdorf machen und dann in’s Ausland gehen zu wollen. Ich aber studirte aus keinem andern Grunde Chemie, als um die feinen ätherischen Gifte kennen zu lernen und mir zu verschaffen, welche das menschliche Leben langsam und in einem vorher zu bestimmenden Zeitraum vernichten, ohne eine erkennbare und nachweisbare Spur im Korper zurückzulassen.“

„Um Gotteswillen!“ schrie ich auf. „Du hast Dich vergiftet, Rudolf!“

„Still, still, Freund! Das Opfer ist gebracht; in wenigen Tagen fällt es. Ich kann fast den Tag [523] bestimmen, an welchem ich sterben werde. Ich bin mit der äußersten Um- und Vorsicht zu Werke gegangen. Ich vertraue Deiner Freundschaft; sie wird mein Werk nicht vereiteln. Ich fühle mich unaussprechlich glücklich, daß ich der Retter der Meinigen werden kann, und um so glücklicher, daß Keins von ihnen auch nur die leiseste Ahnung von meinem Liebesopfer hat. Wie Jesus Christus gehe ich für die Meinigen in den Tod.“

„Es ist unmöglich, meine Gefühle bei diesem Geständniß zu beschreiben. Ich saß wie erstarrt. Ich mußte den dem Tode verfallenen Menschen vor mir zu gleicher Zeit hochverehren und verdammen. Was sind alle berühmten Selbstmorde und Opfertode gegen diesen! Welche furchtbare über alles menschliche Maaß hinausgehende Charakterstärke gehörte dazu, seit Jahr und Tag gleichsam täglich zu sterben und diese Leiden auszuhalten! Ich warf mich weinend an seine Brust und rief: „Aber, Rudolf, geliebter Mensch, hast Du denn nicht bedacht, daß Du mit Deiner beispiellosen Aufopferung für die Deinen einen Betrug begehst? Du betrügst ja die Versicherungsbank, die Dir vertraut.“

„Ich habe diesen dunkeln Fleck in meiner That wohl erkannt. Aber diese Sünde ließ sich nicht vermeiden. Ich konnte und durfte ja nicht unschuldig sterben, wie mein Heiland. Aber sein Blut hat dafür gesorgt, daß mir diese Schuld wieder abgenommen werde. Unsere Kirche bietet nicht die rechten versöhnenden Reinigungsmittel für solche intricate Fälle. Ich bin heimlich zur ehrwürdigen und wahrhaftigen Mutter Kirche zurückgekehrt; sie hat den Sünder erbarmungsvoll in ihren Schooß aufgenommen und ihn mit ihrer unerschöpflichen Heilkraft von allen Sünden entlastet. Ich habe Absolution erhalten, liebster Freund, und gehe ruhig und heiter mit Gott und Menschen versöhnt hinüber, wo nicht Goldbesitz das Glück der Seligen ausmacht.“ Damit zog er ein Kruzifix aus seinem Busen und küßte es inbrünstig und andächtig. – –

„Meine Gemüthsbewegung an diesem Abend war so stark, daß ich selbst erkrankte. Rudolf Rommel starb nach einem Monat und hinterließ den Seinigen eine Police, welche ihnen ein großes Kapital in’s Haus brachte. In keinem der Betheiligten stieg eine Ahnung von seinem Opfertode auf. Friedrich und Louise wurden ein glückliches Paar und überließen dem Veit’schen Ehepaar das väterliche Geschäft in E., indem sie in der hiesigen Stadt ein bedeutendes Kaufmannsgeschäft begründeten. Die junge Frau Doctorin ist ihre Tochter. Ich zweifle, daß der Name des unseligen Schwärmers in diesem Hause jemals genannt worden ist. Am meisten hat mich eine spätere Aeußerung Veit’s geschmerzt. Ich deutete nämlich darauf hin, daß die hohe Versicherungssumme dem Rommel’schen Geschäfte sehr zu statten gekommen sein möchte.

„Ich verstehe Sie,“ versetzte er. „Ihre Aeußerung beweist, daß Ihnen Rudolf über unsere damalige Lage, wie er sie ansah, Mittheilungen gemacht hat. Aber er war im Irrthum. Wir standen keineswegs auf so schwachen Füßen. Diese Annahme war eine seiner fixen und verrückten Ideen. Er war ein viel zu schlechter Geschäftsmann, als daß er unsere Lage richtig hätte beurtheilen können. Er sah Gespenster am hellen Tage und ängstigte sich unnöthiger Weise ab. Es war gut für ihn, daß ihn Gott hinweg nahm.“

„Ich schauderte. Und was hattest Du gelitten und gekämpft, großes stolzes Herz! – Was ist denn eigentlich das Leben? Eine widerwärtige Posse, eine miserable Farce. Für welche Kreaturen hatte Rudolf den ungeheuern Kampf bestanden? Dort sitzt ein Paar davon. Was ich Ihnen da erzähle, ist keine Dichtung – es ist nur leider mir allzusehr Wahrheit.“

Schmidt schwieg mit einem grimmigen Gesicht. Ich war tief erschüttert und den ganzen Tag verstimmt und schweigsam.

L. St.