Skizzen aus den Donaufürstenthümern

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Autor: unbekannt
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Titel: Skizzen aus den Donaufürstenthümern
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 578-583
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Skizzen aus den Donaufürstenthümern.
Die Wichtigkeit der Donaufürstenthümer. — Die geheimen Pläne des Kaisers Napoleon. — Frankreichs Seemacht. — Die russische Politik. — Frankreichs beleidigender Uebermuth und seine Einmischung in deutsche Angelegenheiten. — Die Wahlen in der Moldau. — Die Bojaren. — Das Leben derselben und ihre Spielwuth. — Die Bojarinnen. — Ihre Bildung, ihr eheliches Leben und ihr Putz. — Bojaren-Diners. — Altgläubige Bojarenfamilien. — Die Dienerschaft.

Die Länder an der Mündung des größten deutschen Stromes haben eine so hohe commercielle und strategische Wichtigkeit, daß die europäische Politik sie nicht aus den Augen verlieren kann und Deutschland ein besonderes Interesse an der Entwickelung der gegenwärtig darüber schwebenden Streitfragen nehmen muß. Werden die Donaufürstenthümer einer neuen, von der Pforte unabhängigen Herrschaft unterworfen, so gerathen wir in die Gefahr, daß uns die Schifffahrt in’s schwarze Meer wieder verlegt und unsern Waaren der Absatz in diesen Provinzen selbst wie durch dieselben weiter in die Länder des Orients behindert wird. Die Pforte aber erleidet den Nachtheil, daß die Kraft ihrer Vertheidigungslinie an der Donau eine wesentliche Schwächung erfährt. Widdin befand sich beim Ausbruch des letzten Krieges in so wenig haltbarem Zustande, daß ohne die auf walachischem Boden bei Kalafat errichteten Erdwerke die Eroberung dieser Festung den Russen möglich geworden und damit eine Straße nach Constantinopel eröffnet worden wäre, auf der sie europäischen Hülfstruppen der Pforte nicht sobald begegnet sein würden. Ein künftiger Fürst der Walachei und Moldau würde den türkischen Festungen gegenüber andere erbauen und damit dem Angriff auf erstere, wenn dieser von einer großen europäischen Macht unternommen werden sollte, einen festen Stützpunkt bieten. Der politischen und religiösen Aufregung in den türkischen Ländern jenseits der Donau wäre alsdann weit leichter Nahrung zu geben und die Zertrümmerung der Pforte dadurch zu bewerkstelligen.

Man darf sich nach solchen Betrachtungen nicht wundern, daß der Streit über die Zukunft dieser Länder zu einem schweren Gewitter geworden ist, welches nicht weichen und wanken will. Es entladet sich zwar nicht, doch gucken fortwährend drohende Blitze aus dem Schooß der finstern Wolken und die Besorgniß, welche sie erregen, hat sich an allen europäischen Börsen zu erkennen gegeben. Seit England seine ganze Aufmerksamkeit und Kraft nach Indien richten muß, und die Pforte durch die drohende Haltung von vier Mächten, die an den Pariser Verträgen betheiligt sind, eingeschüchtert worden ist, blieb Oesterreich zur Wahrnehmung der eigenen, der deutschen und europäischen Interessen allein auf dem Kampfplatz, und sein ruhiger, aber entschlossener Widerstand führte zu einer solchen Spannung zwischen Wien und Paris, daß die Zukunft um so bedrohlicher erschien, je größere Fortschritte die Annäherung zwischen Frankreich und Rußland machte.

Diese bedenkliche Erscheinung hat jedoch eine sehr glückliche Wirkung in Deutschland hervorgebracht. Die Verstimmung zwischen den Regierungen, die Verschiedenheit der Auffassung der politischen Lage, die nebenbuhlerische Eifersucht der beiden deutschen Großmächte sind plötzlich dem Bedürfniß eines einträchtigen Verhaltens gewichen. Gleichzeitig haben sich alle politischen Parteien Deutschlands in der Ueberzeugung zusammen gefunden, französische Ein- und Uebergriffe entschieden zurückzuweisen. Den politischen Gedanken Frankreichs im Orient erkennt man nicht mit völliger Deutlichkeit. Anscheinend liegt darin nur ein Zurückweichen von allen Grundsätzen, welche beim Ausbruch des orientalischen Krieges verkündet und durch denselben zur Geltung gebracht wurden. Durch eine Wiedereinsetzung Rußlands in den früheren Stand sollte, so nimmt man an, diese Macht zur Unterstützung der anderweitigen Pläne Frankreichs bewogen werden. Alles, was an der Oberfläche der Gegenwart erscheint, sind nur vereinzelte Bewegungen einer complicirten Maschine: der Gedanke des dritten Napoleons besteht aber unstreitig in dem Bestreben, Frankreich aus einer Continentalmacht zu einer Weltmacht zu erheben. Die Umstände begünstigen das Vorhaben des Kaisers. Die Gelegenheit zu kriegerischem Ruhm, zu Erhöhung von Macht und Einfluß eröffneten ihm die Mißgriffe des Kaisers Nikolaus. Die jetzige Schwächung Englands erleichtert das Fortschreiten zu großen Zielen. Wie in Vorausberechnung solcher Ereignisse sind in Frankreich ungeheuere Anstrengungen gemacht worden, die Seemacht auf gleiche Höhe mit der Englands zu bringen. Bereits ist es dahin gekommen, daß die englische Regierung, so ungemein dringend schleunige Hülfe in Indien nöthig war, doch nicht wagte, ihre Dampfflotte zum Transport der Truppen zu verwenden, um die Küsten des eigenen Landes nicht zu entblößen. Sollten erschütternde Schicksalsschläge Englands Kraft lähmen, so könnte sie auch zur See von Frankreich überflügelt werden. Welche Erfolge stehen aber einer Regierung in Aussicht, die mit großen maritimen Hülfsmitteln eine gewaltige Landmacht verbindet und diese beiden [579] Kräfte mit einheitlichem, unbeschranktem Willen lenkt! Seit der Ruf in den Vereinigten Staaten: Amerika nur für die Amerikaner! erklungen ist, wird Asien um so mehr das Object der europäischen Politik, und Frankreich sieht sich dort um, die Ausgangspunkte für großartige Unternehmungen zu wählen. Seine Mitbewerbung in diesem Welttheile könnte für Rußland leicht gefährlicher werden, als die Englands, welche jetzt so tief erschüttert worden ist.

Man kann der russischen Politik einen großen Scharfblick, der schon bei den ersten Anfängen der Begebenheiten die Entwickelung der Folgen durchdringt, nicht absprechen. Welche Befriedigung auch dem offen zur Schau getragenen Hasse gegen England die schweren Unfälle dieses Reichs gewährt haben mögen, so wünscht man in Petersburg doch nicht, daß diese Verlegenheit zur Erhöhung des ruhm- und thatendurstigen französischen Imperialismus dienen soll. Nicht nur hat sich die Empfindlichkeit gegen England gemildert, es ist auch die Nothwendigkeit einer Aussöhnung mit Oesterreich erkannt und schon seit den letzten Tagen des Augusts, an einer persönlichen Zusammenkunft der beiden Kaiser gearbeitet worden. Diesen Absichten haben Preußen und andere deutsche Regierungen ihre kräftige Unterstützung geliehen, sobald die Sprache Frankreichs einen beleidigenden Uebermuth verrieth. Die Erinnerungen an Tilsit, die verletzenden Aeußerungen über die edle Fürstin, deren Andenken in allen deutschen Herzen ein Ehrentempel errichtet worden ist, hat nicht nur in Preußen, nein in ganz Deutschland die Gefühle widerwärtig berührt. Mit schnöder Verachtung Deutschlands wurde in Paris verkündet, daß die Monarchen von Frankreich und Rußland auf deutschem Boden zusammentreffen würden, um sich über die Zukunft Europas zu verständigen. Der kleine deutsche Michel solle nur artig und still sitzen, er werde nicht die Ruthe bekommen, vielmehr solle ihm etwas Zuckerwerk in die Taschen gesteckt werden. Während man eine so freche Sprache führte, hatte man in Paris noch keine Ahnung davon, daß der Zusammenkunft in Stuttgart eine zweite in Weimar nachfolgen würde, welche der ersteren erbarmungslos alle Spitzen abbricht und sie zu einem bloßen Gepränge herabsetzt. Wie Thiers 1840 ganz gegen seinen Willen einen patriotischen Aufschwung in Deutschland hervorrief, so hat uns jetzt der Kaiser der Franzosen zu der lange und schmerzlich vermißten einträchtigen Gesinnung und zu einer allgemeinen Manifestation des Willens verholfen, die Suprematie Frankreichs nicht zu dulden, ohne darum die Rußlands herzustellen. Letztere Macht ist im Augenblick weniger zu fürchten. Die große Lehre hat man in Petersburg aus dem letzten Kriege mindestens gezogen: daß Rußland, bevor es die schlecht begründeten und nur auf Verblendung und einer energischen Persönlichkeit beruhenden Ansprüche thatsächlich behaupten kann, in der Civilisation und der Erschließung der Quellen des innern Wohlstandes noch beträchtliche Fortschritte machen müsse. Darin besteht die Hauptaufgabe der Regierung des zweiten Alexanders und sichtlich ist er entschlossen, sich der Lösung derselben zu widmen. Europa mindestens ist vor einer russischen Aggression zur Zeit sicher und hat sich vornehmlich vor einer französischen zu bewahren. Frankreich einzudämmen ist Deutschlands natürlicher Beruf und glücklicherweise sind wir uns desselben wieder einmal allseitig bewußt geworden. Wir haben nicht allein unsere Grenze zu hüten, sondern auch die beabsichtigten Einmischungen in unsere Angelegenheiten, namentlich bei unserem Streit mit Dänemark wegen der deutschen Herzogthümer dieses Staates, abzuweisen, und wir sind entschlossen, dies zu thun.

Diese politische Digression war nöthig, um die Vorgänge an der untern Donau und in Constantinopel, so wie die Wandlungen der orientalischen Politik zu verstehen. Revenons maintenant à nos moutons. Es läßt sich nicht bestreiten, daß der Kaimakam der Moldau auf den Ausfall der ersten Divanswahlen einen beträchtlichen Einfluß geübt hat. Da es ihm jedoch an materiellen Mitteln, dies zu bewirken, fast gänzlich fehlte; da er vielmehr eine entgegengesetzte Agitation zu bekämpfen hatte und den feindseligen Blicken der Bevollmächtigten von vier Staaten dabei beständig ausgesetzt war, so beweist sein Erfolg nur, daß die Wähler eben keine eigene Ueberzeugung hatten. Diese Wahlen sind bekanntlich annullirt und unter dem überwiegenden Einflusse von Frankreich und Rußland andere zu Stande gebracht worden, welche das gerade entgegengesetzte Ergebniß lieferten, so daß gegenwärtig von 96 Abgeordneten zum moldauischen Divan 80 für die Union der Fürstenthümer zu stimmen bereit sind. Darin ist aber eben so wenig die unabhängige Stimme des Landes zu erblicken. Die jetzige Majorität ist nicht minder eine gemachte, als die frühere, und damit nichts weiter bewiesen, als daß die öffentliche Meinung in der Moldau einem Strumpfe gleicht, den man eben so gut auf den rechten, wie auf den linken Fuß anziehen kann. Es fehlt dem Lande an politischer Bildung und Einsicht, an Ueberzeugung und selbstbewußter Kraft. Die Zukunft eines solchen Volkes voraus bestimmen zu wollen, ist unmöglich. Frankreich glaubte nach diesem Ausfall der Wahlen am Ziel seiner Wünsche zu sein, zumal England seinen Einspruch gegen die Union demüthig aufgibt. Dieser Ausgang der Sache ist aber plötzlich wieder sehr unsicher geworden. Die Pforte weigert sich, diese Frage in den Divans überhaupt discutiren zu lassen; sehr beachtenswerthe Stimmen aus Preußen versichern, daß eine Umgestaltung der Politik in dieser Frage eingetreten und an die Verwirklichung der Union gar nicht mehr zu denken sei, und sogar Rußland scheint nicht mehr darauf bestehen zu wollen – was freilich zu erwarten bleibt. Alles, was zur dauernden Wohlfahrt dieser Länder erforderlich ist, soll ihnen zugestanden werden, die Personalunion unter einem ausländischen Fürsten und die Lösung des Bandes, welches diese Länder mit der Pforte verknüpft, soll dagegen ausgeschlossen bleiben. Das Berliner Witzblatt, Kladderadatsch, traf den Nagel auf den Kopf, wenn es zu der Nachricht, die Wahlen in der Moldau seien im Sinne der Union ausgefallen, die Bemerkung machte: Sinn läge in dieser Sache gar nicht und ganz Deutschland sei in der Meinung von jeher einig gewesen, daß die Union nur Unsinn sei.

Um zu begreifen, wie so gerade entgegengesetzte Resultate aus dem Wahlact in der Moldau binnen der kürzesten Frist hervorgehen konnten, ist es nöthig, die Elemente genau zu betrachten, aus denen die Wähler bestehen. Am maßgebendsten hierbei sind unstreitig die größeren Grundbesitzer, in deren Händen nicht blos der Boden und dessen Grundholde, sondern auch die bürgerliche Verwaltung und die Rechtspflege liegen, und die Skizze, welche der österreichische Officier, von dessen persönlichen Wahrnehmungen in diesen Ländern wir schon früher einige Mittheilungen brachten, darüber liefert, gewährt ein so naturgetreues Bild, daß wir uns nicht enthalten können, dasselbe unseren Lesern vorzuführen.

Es mag eine Folge des langen Zusammenhanges mit der Pforte sein, daß in den Donaufürstenthümern so wenig als in der Türkei ein Erbadel besteht. Bojar (spr. Bojär), von dem slavischen Worte boj, Kampf, abgeleitet) war wchl in alten Zeiten die Bezeichnung des Kriegerstandes, doch knüpft sich dieser Begriff schon lange nicht mehr an das Wort, das jetzt vielmehr so viel als Herr oder Edelherr bedeutet. Die Bojarenwürde ist, wie ehemals bei den Franken und Angelsachsen, ein Dienstadel, der nur durch den Eintritt in den Staatsdienst – sei es im Militär, der Verwaltung oder Rechtspflege – gewonnen werden kann. Diesen lebenslänglichen Adel kann mithin Jeder erwerben, der Talente, Vermögen oder Gunst besitzt, doch sind die Wege dazu für den größeren Grundbesitzer am meisten gebahnt, und der reiche, in höheren Würden stehende Vater weiß schon seinen Söhnen und Verwandten die Thore zum Tempel der Ehre zu öffnen, so daß die Bojarenwürde in den Familien der großen Grundbesitzer, wenn nicht erblich, doch mindestens continuirlich ist. Obgleich also selbst der Sohn eines Fürsten nur als ein Bürgerlicher geboren wird, so ist doch schon bei seiner Wiege darauf zu rechnen, daß er nicht als ein solcher sterben werde. Die Rangstufen des Adels sind den Dienstwürden entsprechend, müssen aber noch besonders nach einer hohen Taxe erkauft werden. Die unterste Stufe betritt der Concipist, höher steht der Epistat (Vorsteher), dem der Serdar (Lieutenantsrang), Pacharnik (Hauptmannsrang), Aga (Majorsrang), Vornik (Oberstenrang), Vornikmare d. h. Großvornik (Generalsrang) aufsteigend folgt. Die höchste Spitze bildet der Logofetmare, ein Titel, den nur Minister oder mit ihnen in gleichem Range stehende Staatsmänner erhalten. Aus dem griechischen Worte Logothet (Rechnungsführer im byzantinischen Reiche, Kanzler) hat nämlich die walachische Zunge das Theta in F verschliffen.

Wer die Bojarenwürde erlangt hat, gehört der privilegirten Classe an, in deren Händen Macht, Einfluß, Reichthum und Grundbesitz ruhen. Die ganze ländliche Bevölkerung war ihr leibeigen, [580] doch hat Oesterreich, während es die Donaufürstenthümer besetzt hielt, dieses Joch gebrochen. Zu einem Grundbesitz ist aber der Bauer noch nicht gelangt; der Boden, den er bebaut, gehört seinem Herrn, dem er zu Frohnden und Abgaben verpflichtet ist. Der Grundherr hat um so größere Gewalt, als er zugleich Beamter ist. Der unangesessene Beamte mißbraucht aber seine Gewalt sogar noch ärger. Er ist schlecht besoldet, auf Sporteln und Nebenverdienste angewiesen, daher Erpressungen und Feilheit des Rechts an der Tagesordnung sind. Wo Vermögen der einzige Rechtstitel für Amt und Ehre ist, wird die Erwerbung von Kenntnissen nicht sehr gesucht werden, zumal wenn, wie in den Donaufürstenthümern, die Gelegenheit dazu so sparsam geboten, so schwer zu erlangen ist.

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Bojare.

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Moderne Bojarin.

Der ärmere Bojar wohnt beständig auf seinem Dorfe und sein Gesichtskreis reicht nicht über die Grenze seines Gutes oder seines Bezirks hinaus; der wohlhabendere besitzt ein Haus in der nächsten Stadt, das er, auch wenn es mit Stroh gedeckt ist, sein Palais zu nennen beliebt; die reichen Familien sind in den beiden Hauptstädten angesessen, wohnen im Winter zu Bukarest oder Jassy und begeben sich gern auf Reisen. Paris namentlich ist das Mekka der reichen Bojaren, da aber ihre meist geringe Bildung sie aus den Salons der guten Gesellschaft ausschließt, so sind sie auch in der Fremde nur auf einander oder auf einen wenig rühmlichen Umgang angewiesen. Was sie dem armen Volke in der Heimath abgeschunden haben, verprassen sie in Frankreichs Hauptstadt, zerrütten ihre Gesundheit und ihr Vermögen und kehren mit ekelhaften Krankheiten und jenem Grade geselliger Tournure, wie sie die Bedienten französischer Häuser sich aneignen, an die Donau zurück. Man sieht es ihnen im Innern und Aeußern an, daß sie nur die Fetzen abendländischer Civilisation zusammengelesen haben, und bei dem Unebenmäßigen ihrer Einrichtung wird man unwillkürlich an die Zustände in Otaheiti erinnert. Der nackte Insulaner der Südsee ist zufrieden, wenn er ein europäisches Kleidungsstück erhascht, und so erscheint der Eine mit einem Hemde, der Andere mit ein Paar Hosen, der Dritte mit einem Frack u. s. w. bekleidet. Aehnlich betritt man in den Donauländern hier ein elendes Haus, worin man durch eine elegante Einrichtung überrascht wird; dort präsentirt sich das Aeußere eines Hauses recht einladend, im Innern wird man dagegen allen Comfort vermissen; genug, es sind überall die disjecta membra dessen, was in den höheren Kreisen anderer Länder vereint als Erfordernisse zu einem behaglichen Lebensgenuß gerechnet wird. Dieselbe Disharmonie ist auch bei den Equipagen zu sehen. Bald ziehen vier prächtige Pferde einen elenden Rumpelkasten, bald sind einem modischen Wagen erbärmliche Thiere vorgespannt, auf welche der Kutscher erbarmungswürdig lospeitscht. Die höheren geistigen Bedürfnisse gehen ganz leer aus. Bücher, zumal wissenschaftliche Werke, fehlen; den Künsten hat der Bojar noch keinen Geschmack abgewonnen; mit Gemälden, Statuen und ähnlichen Gegenständen umgibt er sich nicht. Musikalische Instrumente sind selten, und wo irgend ein altes Klapperbrett von Piano [581] zu finden ist, wird es schrecklich mißhandelt. Theater gibt es nur in Bukarest, Jassy und Galatz.

Der Bojar leidet daher viel lange Weile. Er liegt oder sitzt in seiner Veranda – einem bedeckten Gange mit vorspringendem Dache, der jedem Bojarenhause gemein ist – und spielt mit einer Schnur von Bernsteinperlen, die er gleich einem Rosenkranze gedankenlos durch seine Finger gleiten läßt. Diese elende Spielerei begleitet ihn beständig, um die Zeit auszufüllen, die nicht Reiten, Jagen, Besuche oder das Spiel in Anspruch nehmen, welches letztere ihm die leidenschaftlichste Aufregung gewährt. Jeder Ort, wo Bojaren, jung oder alt, zusammenkommen, gestaltet sich sogleich zu einem Homburg im Kleinen, was, mit dem sonstigen Luxus, unsägliches Wehe in die Familien bringt.

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Eine altgläubige Bojarenfamilie.

Mit diesem socialen Bilde schildern wir natürlich nur das Bojarenthum im Allgemeinen, und es versteht sich selbstredend, daß es ehrenvolle Ausnahmen von dieser Regel gibt. Namentlich unter den angesehensten Geschlechtern trifft man Häuser, in denen Reichthum mit vollendeter Bildung, edle Sitte sich mit feinem Geschmack verbindet und eine übereinstimmende Eleganz alle Sinne angenehm berührt. Auch darf es nicht unbemerkt bleiben, daß im Allgemeinen das weibliche Geschlecht höher steht. Von französischen Bonnen und deutschen Gouvernanten erzogen, ist der ohnehin lebhaftere Geist der Mädchen und Frauen noch mehr geweckt, mit mancherlei Wissen und Geschicklichkeiten bereichert und der Umgang mit ihnen daher ungleich interessanter. Die Rumänen sind, namentlich in den höhern Classen, ein schöner Menschenschlag, und unter den Mädchen und Frauen erblickt man die reizendsten Gestalten, wenngleich die Hautfarbe nicht die Weiße, wie in kälteren Klimaten hat. Ueppiges Haar, dunkle große Augen, ausdrucksvolle Züge zeichnen sie als vortheilhafte Erscheinungen aus, nur dauert ihre Jugendblüthe nicht lange, und zu einer Zeit, wo deutsche Frauen oft noch auf dem Höhepunkte entwickelter Schönheit stehen, sind die Rumäninnen verblüht, woran die Liederlichkeit der Männer viel Schuld haben soll.

Die höhere Bildungsstufe des weiblichen Geschlechts reicht oft freilich nicht darüber hinaus, was die Lectüre französischer Romane zu geben vermag, und fehlt in vielen Fällen gänzlich, so daß der Conversationsstoff auf Putz und Moden beschränkt ist. Den Vortheil genießen solche Alltagsgeschöpfe mindestens, daß sie auf dem Niveau ihrer Männer stehen und von der Rohheit derselben weniger schmerzlich berührt werden. Wo dagegen geistige Vorzüge eine Scheidewand zwischen den Gatten aufführen, ist das Schicksal der Bojarin häufig bemitleidenswerth. Sie hat die Begeisterung der Jugendliebe nicht kennen gelernt, da ein ungebildeter Mann ihr solche Gefühle nicht einzuflößen vermochte; das Herz der jungen Damen wird überdies bei Eheschließungen selten gefragt, und diese Angelegenheit vielmehr geschäftsmäßig und nach conventionellen Rücksichten betrieben. Sieht die junge Frau sich von ihrem Manne vernachlässigt, kann er ihr keine Achtung abgewinnen, und schweben ihrer Seele Vergleiche zwischen den phantastischen Gestalten ihrer [582] Romanliteratur und den höchst ordinären Erscheinungen der Wirklichkeit vor, so liegt ihr die Gefahr nahe, leicht auf Abwege zu gerathen. Begegnet ihr vereinsamtes Herz einem Manne, der die schlummernden Gefühle in feurige Wallung zu setzen weiß, so wird sie für ihn eine leichte Eroberung werden. Ein rein und edel gestaltetes Familienleben und eheliche Treue werden daher nicht häufig angetroffen. Mann und Frau üben dagegen oft wechselseitig eine große Nachsicht; jeder Theil geht seinen Weg, genirt den andern nicht, und ignorirt mit vornehmer Nonchalance Fehltritte, welche Ehre und Sitte bei allen höhern Naturen brandmarken. Wird dennoch der Druck des ehelichen Bandes empfunden, so ist dessen Lösung leicht. Die griechische Kirche erschwert Ehescheidungen und die Wiederverheirathung der Geschiedenen nicht, so daß oft die sonderbarsten Verwandtschaftsgrade, die wir mitunter skandalös nennen würden, entstehen. Geschiedene Frauen, deren Männer noch leben, werden nichts destoweniger Wittwen genannt, daher es nirgends so viele Wittwen, als in der Moldau und Walachei gibt.

Wir haben bereits erwähnt, wie mangelhaft der Geschmack, wie heterogen die Zusammenstellung von Luxusgegenständen sind, so daß ein Strohdach und Fenstervorhänge von seidenem Damast, ein Lehmestrich und eine Sammettapete in unmittelbarer Nachbarschaft getroffen werden. Dieselbe Erscheinung ist an dem Putze der Damen wahrzunehmen, welche die Landestracht gegen Pariser Moden vertauscht haben. Sieht man sie Morgens beim Einkauf auf dem Markt, Mittags bei Besuchen, Nachmittags auf der Promenade oder Abends in gesellschaftlichen Cirkeln: immer sind sie mit Ungeschmack behangen, und gefallen sich darin, die abendländischen Moden in aller Hinsicht zu übertreiben. Der kleine auf dem Hinterkopf ruhende Hut schrumpft zur Winzigkeit zusammen, und besteht aus einem bunten Gemisch von Blumen, Spitzen und Federn, woran nichts schön ist, als daß er das reiche, glänzend schwarze Haar unbehindert hervorquellen läßt. Trägt die Pariserin sechs Volants, so muß die Bojarin deren zehn haben; sind die Carreaux der seidenen Roben in Lyon eine Viertelelle breit, so müssen sie für die Donaufürstenthümer im doppelten Umfange gearbeitet werden; reichen die Bordüren der Unterröcke anderwärts bis über die Knöchel, so müssen sie hier bis über das Knie heraufgestickt sein: kurz, jede neue Pariser Mode wird an der untern Donau der Regel nach zur Carrikatur. Ebenso sieht eine Bojarin häufig dem Aushängekasten eines Juweliers ähnlich, so sehr ist sie mit Ohrgehängen, Hals- und Uhrketten, Brochen, Ringen, Armbändern und andern Schmucksachen überladen. Dieser Glanz endet aber auffallender Weise nicht selten in einer ganz vernachlässigten Chaussure, und mit Befremden sieht man beim Aussteigen der Damen aus dem Wagen niedergetretene Schuhe und zerrissene Strümpfe; ja es kommt vor, daß Damen zur Soirée im Schlafrock – freilich einem prächtigen, echt persischen – und Pantoffeln erscheinen. Ein Toilettengegenstand, den eine abendländische Dame am wenigsten vermissen mag, Handschuhe, werden selten getragen, und sehr elegante, ja ballmäßig gekleidete Herren und Damen lassen ungewaschene, sonnverbrannte Hände sehen.

Mustergültig sind dagegen die vornehmen rumänischen Frauen in Erfüllung ihrer Mutterpflichten. Sie haben sich nicht von den Gesetzen der Natur entfernt, sie stillen ihre Kinder selbst, Ammen sind ein ausnahmsweiser Luxus, und in der Kinderstube hält keine falsche Delicatesse die Mutter ab, sich Allem zu widmen, was die körperliche Pflege der Kinder erfordert. Prüderie ist ihnen gänzlich fremd, und die Natürlichkeit geht sogar über die Grenzen dessen hinaus, was bei uns für schicklich gehalten wird. Wo unsere Damen ein Erröthen affectiren oder mit vorgehaltenem Schnupftuch kichern, das läßt die vornehme rumänische Dame sehr gleichgültig.

Bei großen Diners wird eine Unzahl von Speisen aufgetragen, wobei jedoch die Mannichfaltigkeit fehlt. Der Küchenzettel scheint fest bestimmt. Nach der Suppe erscheint der unvermeidliche Mamaliga (Maisbrei) mit Käse, dem irgend ein Entremets, z. B. Sardinen, dann süße Krapfen folgen. Nun erst werden Fleischspeisen aufgetragen. Rindfleisch wird selten, Kalbfleisch nie genossen. Kälber durften früher, der Viehzucht wegen, gar nicht geschlachtet werden. Feine Mehlspeisen sind ein Luxusartikel der Küche in distinguirten Häusern, dagegen versteht man die Compots allgemein trefflich zu bereiten. Flaschen und Gläser mit eingemachtem Obst und Früchten kann die Bojarin wie ein Armeecorps aufmarschiren lassen, und in den großen Vorrath derselben setzt sie ihren Stolz. Man kann nirgend delicatere Compots, dort Dultschatz (von dem lateinischen dulcis abgeleitet) genannt, essen, als in den Donauländern.

Je reichlicher bei Gastmählern, der Ostentation wegen, aufgetragen wird, um desto frugaler ist der Familientisch besetzt, und der Rumäne folgt dabei seiner angeborenen Mäßigkeit. Gleich allen Südländern liebt er die Fülle der Speisen nicht, und Trunkenheit ist dem Bojaren ein unbekanntes Laster; bei Champagnaden fröhnt er nur der Ostentation, nicht der Neigung. Die griechische Kirche hat durch ihre Fasten, die fast acht Monate im Jahre Fleisch, Butter und Milch aus der Küche verbannen und nur Fische, Gemüse, Eier und Oel gestatten, für die Gewöhnung an Enthaltsamkeit gesorgt. Freilich, das von abendländischer Cultur beleckte Bojarenthum setzt sich über diese Gebote hinweg, was gerade keinen strengen Tadel verdient.

Wir haben bis jetzt vornehmlich von Solchen gesprochen, die sich in der Übergangsperiode von angeborner Rohheit zu angelernter Cultur befinden – einem Zwitterzustande, der immer unerfreuliche Seiten zeigt. Wie aber in Polen die Juden noch an der angeerbten Sitte festhalten, so fehlt es auch an altgläubigen Bojarenfamilien nicht, obgleich dieses Geschlecht im Absterben begriffen ist. Sie stammen meist aus der Zeit der fanariotischen Hospodare her, wo das Griechische Hof- und Umgangssprache in den vornehmen Kreisen war. Sie haben die orientalische Tracht mit Fez und Kaftan beibehalten, und ihre Frauen erscheinen noch in der Sturteika – dem pelzverbrämten Rocke – und in dem Kopftuche, verachten fremde Sprache und Sitte, und das, was bei den modernisirten Bojaren nur noch durchscheinend ist, hat sich bei ihnen in aller Ursprünglichkeit erhalten. So sitzen sie – und mit ihnen noch viele Anfänger in der Cultur – nicht auf Stühlen, sondern liegen mit ausgezogenem Schuhwerk auf Divans neben den niedrigen Tischen bei ihren Mahlzeiten. Dieser Gebrauch stammt aus dem Alterthume, wo das κλἰνη – Tischbett – bei Griechen und Römern üblich war. Von den Orientalen haben sie die Sitte angenommen, mit den Fingern in die Schüsseln zu greifen, was den Ekel des Abendländern erregt. Wie wir in Deutschland dem Niesenden „zur Gesundheit“ zu wünschen pflegen, so begleitet dieser Wunsch im Orient auch andere Aeußerungen der Natur, welche mit dem Verdauungsproceß in Verbindung stehen: eine Ungenirtheit, die dem Abendländer ein ironisches Lächeln abnöthigt.

Die aufwartende Dienerschaft, meist aus Zigeunern bestehend, deren üppiger Haarwuchs nur zu lebhaft an „die Polypen des Menschen“ erinnert, und denen überhaupt die Begriffe der Reinlichkeit fern liegen, erregt ein Grauen – besonders der Zigeunerkoch, dessen Anblick nur bei kräftigem Hunger erträglich ist. Auch die weibliche Dienerschaft ist gewöhnlich dem Stamme der Zigeuner entsprossen, und erscheint barfuß vor der Herrschaft, da es als ein Verstoß gegen die Ehrfurcht gilt, wenn die niedere Hausdienerschaft die herrschaftlichen Zimmer bekleideten Fußes betritt.

Geistige Getränke sind, wie schon gesagt, wenig beliebt. Bier ist schlecht und selten, dagegen wird in Abendcirkeln Thee mit Zucker und Rum, jedoch ohne die bei uns beliebten „Hindernisse“, als Schinken, Salami, kalter Braten, Backwerk etc., genossen. Nach jeder Mahlzeit wird geraucht, und entweder werden lange türkische Pfeifen herumgereicht, oder die Dame vom Hause dreht Papiercigarretten aus türkischem Taback, deren sie sich auch selbst bedient. Ueber Jemanden, der nicht raucht, wundert man sich mehr, als bei uns über einen Gast, der nicht ißt.

Eine Tugend, gewöhnlich am meisten in Ländern gepflegt, wo es an Gasthöfen oft gänzlich, an guten gewöhnlich fehlt, die Gastfreundschaft, wird in den Donaufürstenthümern auf die rühmlichste Weise geübt. Das Beste, was das Haus, je nach Stand und Vermögen, zu bieten hat, steht dem Gaste zu Diensten, und der Hausherr, wenn er sich auch sonst wenig um sein Hauswesen kümmert, beobachtet die größte Aufmerksamkeit, wenn er Fremde unter seinem Dache hat. In dieser Zuvorkommenheit ermüdet er nie, auch wenn der Besuch von längerer Dauer ist.

Wir wiederholen am Schlusse, daß hier nur allgemeine Charakterzüge gegeben worden sind, die unter mannichfachen Modificationen hervortreten, und daß die ehrenvollsten Ausnahmen zu finden sind, die nichts, was Bildung, feine Sitte, Geschmack und Zartgefühl vereint im Abendlande Liebenswürdiges haben, in schönen [583] Familienkreisen der Moldau und Walachei vermissen lassen. Es ist vielmehr zu erwarten, daß, je inniger Orient und Occident sich einander nähern, die Zahl solcher Familien zunehmen werde; vor der Hand aber herrschen noch Zustände vor, welche ein widerwärtiges Gemisch von ursprünglicher Barbarei und übel benutzter Verfeinerung sind. Was öffentliche Meinung, Selbständigkeit der Grundsätze, politischer Gedanke in solchen Ländern zu bedeuten haben, wird nach allem Vorangeführten leicht zu beurtheilen sein.