Sonne und Mond

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Textdaten
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Autor: Johann Gottfried Herder
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Titel: Sonne und Mond
Untertitel:
aus: Zerstreute Blätter (Dritte Sammlung) S. 200–202
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1787
Verlag: Carl Wilhelm Ettinger
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Erscheinungsort: Gotha
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Quelle: ULB Düsseldorf und Commons
Kurzbeschreibung:
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Zerstreute Blaetter Band III 200.jpg
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[200]
Sonne und Mond.


Tochter der Schönheit, hüte vor Neide dich. Der Neid hat Engel vom Himmel gestürzt: er hat die holde Gestalt der Nacht, den schönen Mond verdunkelt.


Vom Rath des Ewigen ging die schaffende Stimme aus: „Zwei Lichter sollen am Firmamente glänzen, als Könige der Erde, Entscheider der rollenden Zeit.“

Er sprachs; es ward. Auf ging die Sonne, das erste Licht. Wie ein Bräutigam am Morgen aus seiner Kammer tritt, wie der Held sich freuet auf seine Siegesbahn: so stand sie da, gekleidet in Gottes Glanz. Ein Kranz von allen Farben umfloß ihr Haupt: die Erde jauchzete: ihr dufteten die Kräuter: die Blumen schmückten sich –

[201] Neidend stand das andre Licht und sah, daß es die Herrliche nicht zu überglänzen vermochte. „Was sollen, sprach sie murrend bei sich selbst, zwei Fürsten auf Einem Thron? Warum muß ich die Zweite und nicht die Erste seyn?“ –

Und plötzlich schwand vom innern Grame versagt, ihr schönes Licht hinweg. Hinweg von ihr floß es weit in die Luft und ward das Heer der Sterne.

Wie eine Todte bleich stand Luna da, beschämt vor allen Himmlischen und weinte laut. „Erbarme dich, Vater der Wesen, erbarme dich mein!“

Und ein Engel Gottes stand vor der Verfinsterten da und sprach zu ihr des heiligen Schicksals Wort: „Weil du das Licht der Sonne beneidet hast, Unglückliche, so mußt du künftig nur von ihrem Lichte glänzen; und wenn dich jene Erde dort vertritt: so stehest du, halb oder ganz, verfinstert da wie jetzt.

[202] Doch Kind des Irrthums, weine nicht. Der Allerbarmende hat dir deinen Fehl verziehn und ihn in Wohl verwandelt. Geh, sprach er, zu der Reuenden und sprich ihr tröstend zu: auch sie in ihrem Glanze sei Königinn der Nächte, der Sterne Königinn. Die Thränen ihrer Reue will ich zum Balsam machen, der alles Lechzende erquickt, der das vom Stral der Sonne Ermattete mit neuer Kraft belebet.“

Getröstet wandte sich Luna vom Antlitz des Engels weg und als sie sich wandte, siehe da umfloß sie jener milde Glanz, in welchem sie jetzt noch glänzt: sie trat den stillen Gang an, den sie noch jetzo geht. Beweinend ihre Schuld, sucht sie, wen sie erquicke, sie suchet, wen sie tröste.


Tochter der Schönheit, hüte vor Neide dich. Der Neid hat Engel vom Himmel gestürzt: er hat die holde Gestalt der Nacht, den schönen Mond verdunkelt.